Gender_Queer

Um zwischen biologischem und sozialem Geschlecht zu unterscheiden, wurde in den 1980er Jahren der Begriff Gender eingeführt. Er stellte die Vorstellung einer feststehenden Geschlechtsidentität in Frage und lenkte den Blick auf Menschen, die zwischengeschlechtlich sind oder ihr Geschlecht wechseln. Das Sichtbarmachen von queeren Lebensentwürfen stellt seit Beginn der 1990er Jahre ein wichtiges Anliegen unterschiedlicher Arbeitsgruppen der nGbK dar. Eng verbunden mit der Frage nach der geschlechtlichen Identität ist die nach dem Begehren. Mit künstlerischen Perspektiven auf Liebe und Begehren, Transsexualität und Intersexualität, auf Geschlechterrollen und Identitäten wurden in verschiedenen Ausstellungen und Veranstaltungsformaten Diskussionen über diese von der öffentlichen Aufmerksamkeit vernachlässigten Themen eingefordert und angeregt. Ziel war es, Normvorstellungen von Geschlecht zu thematisieren, herauszufordern und zu destabilisieren.

Die Ausstellung Sie nennen es Liebe (RealismusStudio) von 1993 verfolgte das Ziel, „verschiedene Formen der Liebe in der zeitgenössischen Kunst aufzuspüren“, die sich abseits von „Klischee und Kitsch“ bewegen und „den klassischen Diskurs des Begehrens” aufbrechen.1 Den Kern der Themenausstellung bildete das breite Spektrum der Arbeiten, die sich unter anderem mit der Mutterliebe als Folie des Patriarchats, erotischen Assoziationen des Androgynen und der Differenz der Geschlechter befassten.2

Auch die Fotografieausstellung Transsexuelle Menschen in Deutschland. Im falschen Körper (1997) versuchte, „klischeehafte Bilder“ und einen „vordergründigen Voyeurismus“ zu vermeiden. Die nach Berlin eingeladene Ausstellung wurde zusätzlich von einem Rahmenprogramm begleitet, in dem Fragen verhandelt wurden, wie: „Wird das Geschlecht einer Person vorwiegend durch die sozial geprägte Geschlechterrolle in der Gesellschaft bestimmt? Werden die Geschlechtergrenzen immer mehr verschwinden oder handelt es sich hierbei nur um eine vorübergehende kulturelle Projektion?“3

Im Jahr 2000 ordnete Martin Conrads in der zitty die Ausstellung Rosa für Jungs. Hellblau für Mädchen (1999) in eine Reihe verschiedener Berliner Ausstellungen ein, „die – mal diskursiv-politisch, mal mit Akzent auf der Kunstproduktion zum Thema ‚Gender‘ – die postfeministische Debatte der 90er Jahre verarbeiteten, aufgriffen oder im besten Fall weiter entwickeln konnten.“4 Den Ausstellungsmacher_innen der nGbK ging es darum zu untersuchen, „wie Künstlerinnen und Künstler den noch immer dominanten binären Code der Geschlechter knacken, und welches kritische Potential in ihren Arbeiten liegt.“5 Im Mittelpunkt stand dabei das „Aufzeigen der Konstruktion von Identität als fragiles Gebilde innerhalb normativer Grenzen.“6

„Wir sind hier, und Ihr müsst Euch mit uns auseinandersetzen!“7 forderte die Arbeitsgruppe 1-0-1 intersex, die im Jahr 2005 neben einer Ausstellung auch ein Archiv und eine Veranstaltungsreihe zu Intersexualität ins Leben rief. Die Kurator_innen machten deutlich, was die Ausstellung nicht ist, beziehungsweise sein will, und was sie stattdessen anstrebt: „1-0-1 intersex ist keine Ausstellung über Intersexualität und auch nicht über Zwitter/Hermaphroditen. Intersexuelle Menschen wehren sich zu Recht dagegen, zum ‚Objekt‘ gemacht zu werden, sei es von medizinischer Seite oder von den Medien oder auch von engagierten Kritiker_innen der rigiden Geschlechterordnung. Dagegen ist 1-0-1 intersex eine Ausstellung über den gesellschaftlichen Umgang mit Intersexualität.“8 Die Sensibilisierung für das Thema und die Forderung, auch auf sprachlicher Ebene die Binarität Mann-Frau zu überwinden, richtete sich dabei auch an die nGbK selber. Konkretes Ergebnis der AG 1-0-1 war die Einführung der Unterstrich-Schreibweise in der nGbK.

Ging es 1-0-1 um den gesellschaftlichen Umgang mit Intersexualität, konzentrierte sich BOSSING IMAGES. Macht der Bilder, queere Kunst und Politik auf die widerständigen (Bild-)praktiken, die die Heteronormativität unterlaufen. Das Projekt wurde im Jahr 2012 als Veranstaltungsreihe konzipiert und setzte sich zum Ziel, „Machtverhältnisse sowie damit einhergehende Freuden und Ärgernisse zu erfassen, die Produktion, Rezeption und Zirkulation von visuellem Material und insbesondere Kunst mit sich bringen.“9 Dabei standen vor allem Bilder im Fokus, „die Geschlechter ambivalent, Begehren queer und Körper freaky erscheinen lassen oder auf andere Weise normative Vorstellungen und Erwartungshorizonte herausfordern.“10 In interaktiven Veranstaltungen wurden immer auch Macht und Hierarchien zwischen Künstler_innen, Publikum, Kurator_innen und Kritiker_innen im Kunstraum selbst thematisiert und ins Wanken gebracht.

In komplexer Weise verhandelte schließlich die Ausstellung What is queer today is not queer tomorrow (2014) vergangene und aktuelle Diskurse innerhalb der queeren Szene. Insbesondere ging es darum, die weiße Mittelschichtsperspektive zu dekoloniarisieren und zu erweitern. Dabei sollte die Wandelbarkeit und Flüchtigkeit von Identität und Geschlecht nicht nur vermittelt, sondern auch erfahrbar werden. Aus diesem Grund wurde die Ausstellung stetig weiterentwickelt und durch künstlerische Interventionen verändert.

Irene Hilden und Anna-Lena Wenzel


  1. Vgl. Pressemitteilung, NGBK 1993. 

  2. Vgl. ebd. 

  3. Vgl. Pressemitteilung, NGBK 1997. 

  4. Conrads, Martin: Frau ohne Geschlecht. Die Gender-Debatte im Postfeminismus: Ausstellung „cross female“ im Künstlerhaus Bethanien, in: Zitty, 5.10.2000. 

  5. Kohlhoff, Kolja: Das Spiel mit den Farben und den Fummeln, in: Rosa für Jungs. Hellblau für Mädchen, NGBK, Berlin 1999, S. 43. 

  6. Vgl. Pressemitteilung, NGBK 1999. 

  7. AG 1-0-1 intersex: Fragebogen, in: 1-0-1 [one ‘o one] intersex. Das Zwei-Geschlechter-System als Menschenrechtsverletzung, NGBK, Berlin 2005, S. 14. 

  8. Ebd.: Einleitung, S. 9. 

  9. Dorrance, Jess; Engel, Antke: Es macht dir Spaß, Boss zu sein, oder?, in: Bossing Images. Macht der Bilder, queere Kunst und Politik, NGBK, Berlin 2012, S. 4. 

  10. http://ngbk.de/development/index.php?option=com_content&view=article&id=234&template=ngbkberlinmelior&lang=de, Zugang vom 29.07.2015.