Necessità dei volti

1. Januar–31. Dezember 2016

Forschung
Einzelprojekt/Produktion

Ort(e): nGbK, Oranienstraße 25

Teilnehmer_innen

Zeina Arida, Ghalia Djimi, Erik Hagen, Sonja Hegasy, Jan Kopp

Arbeitsgruppe Necessità dei volti

Informal collective on Western Sahara

Selections from a provisional archive
9. Dezember - 23. Dezember 2016
(Eröffnung: 8. Dezember 2016, 19h)
A dialogical procedure
10. Dezember 2016, 10 - 17h

Für mehr als drei Jahrzehnte wirkte die Besetzung der Westsahara an der Destabilisierung Nordafrikas mit und forderte die Normen der internationalen Ordnung grundlegend heraus. Trotz der allzu evidenten in modernen Ideologien wurzelnden Motive des Konflikts – Kolonialismus, Dekolonisierung, Nationalismus, Selbstbestimmung, Gerechtigkeit, Großmachtansprüche, geopolitisches Vorteilsdenken, gescheiterte Diplomatie sowie Rohstoffausbeutung – bleibt die Westsahara von der Weltöffentlichkeit weitestgehend unbeachtet, ein bezeichnendes Beispiel für einen vergessenen politischen Konflikt.

Im Laufe ihrer Arbeit hat die Gruppe Necessità dei volti (aka informal collective on Western Sahara) kontinuierlich erkundet, warum einer der am längsten andauernden, ungelösten Konflikte der Welt trotz seiner Bedeutung so unsichtbar bleibt. Im Jahr 2016 hat die Gruppe weiter geforscht und ihre lange Geschichte der Auseinandersetzung mit Westsahara reflektiert. Am 8. Dezember wird das Kollektiv eine Auswahl von Forschungsmaterialien und Publikationen im Ausstellungsraum der nGbK präsentieren. Zwei Tage später, am 10. Dezember, findet eine öffentliche Dialogveranstaltung mit fünf eingeladenen Gästen im Veranstaltungsraum im 1.OG der nGbK statt. Die Arbeitsgruppe Necessità dei volti lädt mit dieser partizipativ konzipierten Begegnung herzlich zur Teilnahme am Nachdenken über den Westsaharakonflikt und die Aktivitäten der Gruppe ein.

Ab 1976 kämpfte die Frente Polisario, die Widerstandsbewegung der Saharawis, einen 15 Jahre währenden Krieg gegen Marokko, nachdem dieser nördliche Nachbar in die ehemals spanische Kolonie Westsahara einmarschiert war. Die Polisario sammelte in diesen Jahren Tausende von persönlichen Fotografien von marokkanischen Soldaten, denen sie im Kampf gegenüberstand. In den späten 1990er Jahren ermöglichte die Polisario einer Gruppe italienischer und Saharawi-Aktivist_innen den Zugang zu dieser Sammlung. 1999 begann das informelle Kollektiv, sich mit einer Auswahl der Sammlung – insgesamt 483 Fotografien – genauer auseinanderzusetzen. Hierfür nutzten sie eine ziel-offene Diskussionsform, die die Gruppe encounters [Begegnungen] nennt und deren Zweck es war und bleibt, Verbindungen zwischen der Situation in Westsahara und der alltäglichen Realität der Menschen zu etablieren, die an den Begegnungen teilnehmen. Für diese Treffen wurden die Fotografien in einem Buch mit dem Titel Necessità dei volti [Die Notwendigkeit des Antlitzes] zusammengestellt. Das Kollektiv produzierte eine Auflage von 20 Bücher, um sie Personen anzuvertrauen, die sich für die Belange der Saharawi einsetzen, und einige Bände Institutionen wie der Arab Image Foundation in Beirut oder der Kandinsky-Bibliothek im Centre Pompidou in Paris zu geben. Bei einem kürzlichen Besuch in den Camps der geflohenen Saharawi-Bevölkerung in Südwest-Algerien, wurde auch dem Nationalen Widerstandsmuseum der Saharawis das Buch übergeben - jenem Ort, an dem die Bilder ursprünglich aufgefunden worden waren. Insgesamt hat das Kollektiv über 300 Begegnungen in privaten Räumen, Theaterorten, verlassenen Gebäuden und Kultur- und Kunstinstitutionen organisiert und hat damit einhergehend in den letzten 19 Jahren auch eine Vielzahl gedruckter und visueller Materialien hervorgebracht. Der Gruppe ist es wichtig, dass ihre Arbeit – die encounters und anderen Aktivitäten – nicht als eine Form der Kunst oder als eine Art Aktivismus aufgefasst wird, sondern als eine Verlängerung der Geste der Polisario, die durch den Erhalt dieser Fotografien und der Intention, diese mit dem Ende des Konfliktes den Familien der Soldaten zurückzugeben, die übliche Logik militärischer Antagonismen unterläuft.

Samstag 10. Dezember 2016, 10-17 Uhr
Öffentliche Begegnung in Englischer Sprache:
A dialogical procedure [Eine dialogische Begegnung]
Im Veranstaltungsraum, 1.OG
A dialogical procedure verfolgt einen experimentellen und kollaborativen Ansatz der Auseinandersetzung mit dem Westsaharakonflikt und den Fragen rund um das Archiv, mit dem das informelle Kollektiv arbeitet. Das Programm ist folgendermaßen strukturiert: In Vorbereitung findet ein internes Gespräch zwischen der Arbeitsgruppe und den eingeladenen Gästen – die eine Vielfalt an Praktiken, Diskursen und Subjektpositionen vertreten – statt. Dies dient als Vorbereitung/Grundlage für den öffentlichen Dialog der Publikumsveranstaltung am 10. Dezember.
Mit:
Zeina Arida, Direktorin des Sursock Museum, Mitgründerin und ehemalige Direktorin der Arab Image Foundation
Ghalia Djimi, Menschenrechtsaktivistin in den besetzten Gebieten Westsahara und Vizepräsidentin des Vereins für Opfer vom Marokkanischen Staat begangener schwerer Menschrechtsverletzungen
Erik Hagen, Gründer der Nichtregierungsorganisation Western Sahara Ressource Watch
Dr. Sonja Hegasy, stellvertretende Direktorin des Zentrum Moderner Orient (ZMO), forscht zu Staat, Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft in Marokko
Jan Kopp, Künstler und Mitglied des Kollektivs Suspended Spaces