KREISE ZIEHEN 4

Großsiedlungen und die Produktion von Bildern ihrer selbst

12. Juli–13. September 2020

Ausstellung
Ausstellungsreihe
Veranstaltungsreihe

Ort(e):
Place Internationale, Carola-Neher-Straße / Ecke Maxie-Wander-Straße, 12619 Berlin

Künstler_innen

Marija Nemčenko, Anna Tüdős

Teilnehmer_innen

Valeria Fahrenkrog, Caroline Wächter, Natalija Yefimkina

Arbeitsgruppe

Jochen Becker, Fabian Bovens, Eva Hertzsch, Margarete Kiss, Constanze Musterer, Adam Page

KREISE ZIEHEN - Teil 4

Berlin-Märkisches Viertel
AG Spielclub

Litauen, Schottland, Ungarn
Marija Nemčenko & Anna Tüdős

Im vierten Teil der Reihe KREISE ZIEHEN wird das Leben von Kindern und Jugendlichen in einer Großsiedlung thematisiert. Wie kaum eine andere Gruppe prägen junge Menschen den öffentlichen Raum der Großsiedlung. Ihre Schulen und Jugendeinrichtungen liegen direkt im Quartier. Die Freiflächen der Siedlung sind großzügig gestaltet und sollen einen Ausgleich für die kleinen Wohnungen bieten. Aber welche Freiräume können Jugendliche jenseits der Kontrolle der Erwachsenen selbst erschaffen? Wie eignen sie sich die Großsiedlung an?

Seit 2016 gestalten die Initiator_innen der station urbaner kulturen mit Kindern und Jugendlichen auf der Grünfläche Place Internationale einen informellen Sportplatz mit Sitzgruppen. Dieser ist zu einem Treffpunkt für junge Menschen mitten in der Großsiedlung geworden, vor allem abends und nachts - und besonders in diesem Jahr, wenn nicht nur in den benachbarten Geflüchteten-Unterkünften die Sommerferien zuhause stattfinden werden.

In diesem Sommer werden im Rahmen von KREISE ZIEHEN 4 zwei künstlerische Positionen zum Thema »Kinder und Jugendliche in der Großsiedlung« auf Billboards ausgestellt. Die Arbeitsgruppe Spielclub zeigt Bilder einer Spielstadt, die 1971 im öffentlichen Raum im Märkischen Viertel Berlin von Künstler_innen mit und für Kinder gebaut wurde. Unter dem Titel »Fest« war die Spielstadt damals zehn Tage lang Erprobungsraum für Produktion, Verkauf, Monopolismus und Revolution.

Marija Nemčenko (Künstlerin, Kaunas / Litauen und Glasgow / Großbritannien) und Anna Tüdős (Kuratorin, Budapest / Ungarn und Glasgow / Großbritannien) werden während einer Residency im Sommer 2020 auf der Grünfläche eine Arbeit zum Thema Spielen und Bewegung entwickeln und bauen. Auf zwei Billboards präsentieren sie ihre Recherche »BRUT Boredom. High-rises, emptiness and play« über die utopischen Momente des sogenannten ›Brutalismus‹ – einem Baustil der internationalen Moderne. »Wir verstehen Langeweile (engl. Boredom) als einen produktiven, kreativen Zustand, der mit Spiel und Experimentieren, aber auch mit Muße und Leere verbunden ist.«

Termine:

Donnerstag bis Samstag, 9.–11. Juli 2020, 14:00–17:00
Workshop »Let’s build this City«
(de)

Junge Menschen zwischen 0 und 23 Jahren bauen Modelle mit ihren Visionen für die Zukunft der Grünfläche Place Internationale. Modelliert wird mit den Materialien Holz und Pappe. Die Visionen richten sich nicht nach Umsetz- und Machbarkeit, sondern nach Kreativität und Fantasie – Träume, Wünsche und Ansprüche für das Quartier werden behandelt. Am 11. Juli 2020, gibt es im Anschluss an den Workshop um 17 Uhr, eine Präsentation der entstandenen Modelle.
Ein Workshop des Kinder- & Jugendbeteiligungsbüro Marzahn-Hellersdorf im HVD mit der Bühnenbildnerin Caroline Wächter.

Samstag, 11. Juli 2020
16:00-19:00
Start der Ausstellung

  • Mit der Präsentation der Ergebnisse des Workshops »Let‘s build this City«
  • Mit der Installation auf dem Place Internationale: Die Siegessäule von Folke Köbberling, Valeska Peschke und der Projektgruppe station urbaner kulturen wird gestürzt.

18:00–19:00
Präsentation »Materialsammlung« (de)

Es werden studentische Arbeiten von der Alice Salomon Hochschule Berlin gezeigt, die im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem künstlerischen Forschungsprojekt, »Die Pampa lebt – Hellersdorf als Großwohnsiedlung gestern, heute und morgen« der station urbaner kulturen entstanden sind. Die Studierenden begleiteten die Forschungsarbeit über zehn Monate, um sich mit dem Stadtteil medial (Fotografie, Video und Audio) intensiv zu beschäftigen. Für die betreuende Lehrkraft Prof. Dr. Andrea Plöger war dies »genau der richtige Ansatz für Studierende der ASH, sich durch Gespräche mit sämtlichen Anwohner_innen im Umfeld der station dem Bezirk anzunähern und dabei auch etwas mehr von der Stadt, ihrer Geschichte und Gegenwart zu verstehen«.

»Die Pampa lebt« ist aus dem Programm ›Sozialer Zusammenhalt‹ gefördert.

Samstag, 22. August 2020, 18:00
Gespräch »Das Fest im Märkischen Viertel, 1971«
(de/en)
Valeria Fahrenkrog (AG Spielclub) über die Arbeit mit dem Archivmaterial im Vorfeld der historischen Ausstellung in der nGbK 2019/20.

1969 gründete sich in der neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (nGbK) die ›Arbeitsgruppe Spielklub‹. In dieser Gruppe trafen sich Erzieher_innen, Eltern und Künstler_innen, um gemeinsam über Kinderspielzeug und Spielräume für Kinder zu sprechen. Sie wollten gern mit Kindern zusammenarbeiten. Im Oktober 1970 wurde in einer Fabriketage der ›Spielklub‹ im Kulmer Kiez in Schöneberg eröffnet, wo Kinder und Jugendliche ihre freien Nachmittage verbringen konnten. Im Winter 1970/71 wurde dort eine Spielstadt gebaut. Es gab eine Bank, ein Theater, ein Hotel, ein Tapetengeschäft, eine Waffelbäckerei und eine Arbeitsvermittlung. Dann wurde Geld gedruckt mit dem Namen ›Kulmer Mark‹. Damit konnten die Kinder in der Spielstadt Himbeersirup und Waffeln kaufen. Die Kinder freuten sich und nannten den Spielklub fortan »das Fest«. Jedes Kind und jede erwachsene Person hatte in der Spielstadt eine Rolle. Die Erwachsenen machten sich viele Notizen über die Rollenspiele, die gespielt wurden. Gemeinsam mit den Kindern stellten sie Fotos, Fernsehbeiträge und auch Zeitungen her, die vom Geschehen im Spielklub berichteten.

Die Kinder und die Künstler_innen des Spielklubs wurden zu einem Theaterfestival eingeladen. Dieses fand im Märkischen Viertel statt, einem Stadtteil mit vielen Hochhäusern im Norden von Berlin. Die Kinder aus Schöneberg, Kinder aus dem Märkischen Viertel und die Erwachsenen bauten dort auf einem Bauspielplatz erneut eine Spielstadt. Das Spiel, das dort zehn Tage gespielt werden sollte, hieß »das Fest«. Wiederum gab es eine Bank, eine Arbeitsvermittlung, Geld und auch das ›Fort Monopol‹ – eine Art Burg. Der Kommandant des Fort Monopols versuchte Boss in der Spielstadt zu werden. Deshalb wurde am Ende der zehn Spieltage das Fort gestürmt.

Samstag, 29. August 2020
11:00-14:00
Schnupperstunde »Cricket für Mädchen und Frauen*« (de)
14:00-18:00
»Cricket Fest« - Turnier mit Berliner Cricket-Mannschaften (de)

Seit Mai 2017 spielen geflüchtete Männer aus Pakistan und Afghanistan Cricket auf der Grünfläche Place Internationale. In Zusammenarbeit mit der station urbaner kulturen wandelten sie die ehemalige Brachfläche in einem informellen Sportplatz samt Cricket-Bahn um. Somit wurde auch in Hellersdorf ein, wie in vielen Ländern vorhandenes Freizeitgelände, der sogenannten ›Recreation Grounds‹ geschaffen. Die großen, kostenlos zugänglichen und von den Kommunen gepflegten Rasenflächen für Erholung und Sport entstanden ursprünglich aus dem staatlichen Bekenntnis des Viktorianischen Großbritanniens zum Menschenrecht auf Gesundheit und Natur in städtischen Räumen. ›Recreation Grounds‹ werden international vielerorts auch für das Cricket-Spiel genutzt.
Cricket ist zur Zeit der schnellst wachsende Sport in Deutschland. Flüchtlinge aus Afghanistan und Pakistan sorgen für einen großen Zuwachs an Spielern. Der Hellersdorfer Sportverein ›AC Berlin‹ hat 2017 eine Cricket-Abteilung gegründet und spielt inzwischen in der Regionalliga Ost. In ganz Deutschland sind es mehr als 300 Cricket-Abteilungen.

Das »Cricket Fest« wird mit Mitteln aus dem Programm ›BENN – Berlin entwickelt Neue Nachbarschaften‹ gefördert.

Samstag, 29. August 2020, 18:00
Gespräch »BRUT Boredom. High-rises, emptiness and play« mit Marija Nemčenko & Anna Tüdős
(de/en)

Marija Nemčenko (Künstlerin, Kaunas / Litauen und Glasgow / Großbritannien) und Anna Tüdős (Kuratorin, Budapest / Ungarn und Glasgow / Großbritannien) über ihre künstlerische Forschung ›BRUT Boredom. High-rises, emptiness and play‹ (BRUT = Deutsch: Langeweile. Hochhäuser, Leere und Spiel).

›BRUT‹ ist ein vielfältiges Projekt, das sich aus Kunstwerken, öffentlichen Vorträgen, Workshops und einer Publikation zusammensetzt. Es erkundet aus gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Perspektiven die utopischen Momente des sogenannten ›Brutalismus‹ - einem Baustil der internationalen Modeme. Auseinandersetzungen mit Themen wie Stigmatisierung, Abriss, Ästhetisierung, persönlichen Identitäten, öffentlichen Einrichtungen und Spielplätzen haben eines gemeinsam: Sie werden im Zusammenhang mit Großwohnsiedlungen in der ganzen Welt geführt. »Wir sind überzeugt, dass der Austausch über die jeweiligen Geschichten, Kämpfe und Erfolge es uns ermöglicht, unsere eigene direkte Umgebung mit frischem Blick und mit einem starken Gefühl der Solidarität zu betrachten«. www.brutcollective.com

Samstag, 5. September 2020, 19:30
Filmscreening »GARAGENVOLK«
(de)

Regie: Natalija Yefimkina, D, 2020, 95 Min

Die Regisseurin und weitere Gäste sind anwesend.
In Kooperation mit metroZones – Zentrum für städtische Angelegenheiten

Im unwirtlichen russischen Norden jenseits des Polarkreises, zwischen Schnee und Beton, erstrecken sich bis ins Unendliche reichende Garagenfelder. Hier, am Rande einer Stadt, in der ein Bergbaukonzern der einzige Arbeitgeber ist, findet sich in den Garagen alles, nur kein Auto. Mit Erfindergeist und Zähigkeit entstehen auf wenigen Quadratmetern alternative Lebensräume, Orte der Selbstverwirklichung und der Zuflucht.
Der Dokumentarfilm GARAGENVOLK der Berliner Regisseurin Natalija Yefimkina erzählt in oft skurrilen Szenen tragische Geschichten aus dem Eigenleben zumeist russischer Männer, die in Nischen den mafiösen Strukturen und dem Regelungsdrang der Politik entfliehen und sich dem Individualismus, dem Konsum, aber auch ihrem Eigensinn zuwenden. Die Protagonist_innen teilen ihre Freuden und Sorgen mit und gewähren Einblick in ihre exemplarische, im Verborgenen stattfindende Lebenswirklichkeit. Hier wird Schnaps gebrannt, illegale Fischläden betrieben, Konsumgüter gelagert, hierher zieht man sich mit dem oder der Liebsten zurück. Die mobilen jungen Menschen wollen nach Moskau oder noch weiter. Die Alten graben in die Tiefe, oder sterben.

Natalija Yefimkina drehte den Dokumentarfilm in Murmansk, Kirowsk und Apatity auf der Kola-Halbinsel in Russland. Sie wurde in Kiew als Kind russisch-ukrainischer Eltern geboren und zog 1995 mit ihrer Familie nach Deutschland. Nach dem Studium der Geschichte und Literatur in Berlin arbeitete sie als Regieassistentin und Produktionsassistentin bei Spielfilmproduktionen. Nach mehreren kurzen dokumentarischen Arbeiten ist GARAGENVOLK ihr erster langer Dokumentarfilm.

Der Film wurde auf den Berliner Filmfestspielen uraufgeführt, erhielt zahlreiche Preise und einen persönlichen Brief von Werner Herzog. Wir zeigen GARAGENVOLK vor dem offiziellen Kinostart und bedanken uns hierfür bei Produktion, Verleih und Regisseurin.

Jeden Donnerstag + Samstag, 15:00-18:00
Kaffee und Gespräch