Kunst im Untergrund 2016/17: Mitte in der Pampa

1. September 2016–31. Oktober 2017

Wettbewerb
Ausstellung
Intervention
Publikation

Ort(e): station urbaner kulturen (2016), Cecilienplatz 5, 12619 Berlin
station urbaner kulturen (2017), Auerbacher Ring 41, 12619 Berlin
Place Internationale, Grünfläche nahe Cottbusser Platz (U5)
Marx-Engels-Forum, nahe Alexanderplatz (U5)
U-Bahnhof Schillingstraße (U5)
U-Bahnhof Kaulsdorf-Nord (U5)
U-Bahnhof Cottbusser Platz (U5)

www.kunst-im-untergrund.de

Künstler_innen

Katrin Glanz, Various & Gould, Laura Horelli, Claude Gomis und Saskia Köbschall, Anna Kowalska, Diana Lucas-Drogan, Ellen Nonnenmacher und Eva Randelzhofer, Elizabeth Wood

Arbeitsgruppe Kunst im Untergrund

Jochen Becker, Anna Gogonjan, Eva Hertzsch, Karin Kasböck, Folke Köbberling, Adam Page, Valeska Peschke

Hellersdorf wurde einst als moderne Gartenstadt gegründet. Nun wird hier die Internationale Gartenausstellung IGA Berlin 2017 eröffnet. Entscheidungen, die am Schreibtisch im Stadtzentrum getroffen werden, führen draußen in der ›Pampa‹ von Hellersdorf und Marzahn zu für die lokale Bevölkerung nicht immer nachvollziehbaren Realisierungen. Die geschützte Grünanlage Kienberg ist seit 2014 unter großen Protesten großräumig abgeschottet und in eine Großbaustelle

Place Internationale und Siegessäule
Zentrales Aktionsfeld des Kunstwettbewerbs ist die großläufige, von Anwohner_innen durchquerte Brach- und Wiesenfläche zwischen U-Bhf. Cottbusser Platz und Maxie-Wander-Straße. Sie dient dem Projekt als Folie, auf der sich übergreifende Widersprüche ablesen lassen und verhandelt werden können.
Die Namensgebung ›Place Internationale‹ geschah in Anlehnung an ein historisches Ereignis: Am 16. Mai 1871 wurde auf dem Pariser Platz Vendôme die Siegessäule Napoleons durch die Kommunarden gestürzt. Der Maler Gustave Courbet hatte den Denkmalsturz während der aufständischen Zeit der Pariser Commune maßgeblich initiiert. Er kritisierte das Napoleons Eroberungsfeldzügen zugedachte Monument politisch wie ästhetisch. Courbet ließ über den Rückbau demokratisch abstimmen und den Platz vor dem Sturz sogar mit Stroh und Mist auslegen. Daraufhin wurde der Platz feierlich in »Place Internationale« umgetauft: Paris erlebte eine Revolution der Stadt.

Der Place Internationale in Hellersdof wird mit einer künstlerischen Rekonstruktion einer Siegessäule markiert. In Zusammenarbeit mit lokalen Partner_innen entsteht hier ein zentraler Ort für Vermittlungsprojekte. Zu den Veranstaltungen von Mitte in der Pampa wird die Säule aufgerichtet und gestürzt.

Seit September 2016 wurde die Säule ettapenweise durch junge Menschen aus dem benachbarten Jugendclub U5 und dem Melanchthon-Gymnasium gestaltet - in Zusammenarbeit mit der AG Kunst im Untergrund und den Künstler_innen Ulrike Dornis, Martin Eggenfellner, Katja Renner, Zuzanna Skiba und Ole Tietjen. In künstlerischen Workshops mit dem Titel „Teilhabe und Governance“ beschäftigen sich die Jugendlichen mit Gustave Courbet, Kommunarden, Revolution, Individuum, Staat und Gemeinschaft. Ihr Farbkonzept für den Sockel basiert auf den unterschiedlichen Farbnuancen menschlicher Haut. Für das Szenenband der Säule haben sich die Jugendlichen gegenseitig bei politischen Reenactments fotografiert.

Projektzentrale station urbaner kulturen
Seit 2014 betreibt die AG Kunst im Untergrund die Projektzentrale in Hellersdorf. Sie ist zur Anlaufstelle für Anwohner_innen, Initiativen und Künstler_innen geworden und wird auch von den Bürger_innen regelmäßig besucht und genutzt. Die station ist Homebase, Adresse, Treffpunkt und Standort für Debatten und Präsentationen, Archiv und Produktionsatelier.

Der internationale offene Kunstwettbewerb Mitte in der Pampa
Es werden acht künstlerische Arbeiten entlang der U5 und U55 realisiert, hauptsächlich in der Großsiedlung Hellersdorf:

Katrin Glanz: Hellersdorfer Tanzplatz
›Place Internationale, nahe Cottbusser Platz (U5)
Mai - Oktober 2017
Tanzen verbindet, öffnet die Herzen und durchbricht Sprachbarrieren und obwohl es auf Volksfesten eigentlich üblich ist, tanzen immer weniger Menschen im Freien. Im Sommer 2017 lädt die Künstlerin Katrin Glanz Anwohner_innen und Besucher_innen zum »Hellers dorfer Tanzplatz« ein: An drei unterschiedlichen Orten entsteht an jeweils einem Sonntag ein Treffpunkt für internationale Geselligkeit. Getanzt werden Volkstänze aus verschiedenen Ländern Europas – Tänze im Kreis, als Kette und Paarkreistänze. Auch andere internationale Tänze sind willkommen, denn das Projekt folgt keinen Vorgaben, sondern entwickelt sich mit seinen Teilnehmer_innen. Die Tänzerin Andrea Hartung gibt den Takt vor, Musiker_innen spielen live auf traditionellen Instrumenten – dem diatonischen Akkordeon, der Bombarde, dem Cello und der Gitarre.
Der erste Tanzplatz ist die Grünfläche gegenüber dem Flüchtlingsheim Maxi-Wander-Straße. Der zweite liegt auf dem Hügel am U5-Bahnhof Cottbusser Platz. Dort befand sich einst der historische Ursprung Hellersdorfs. Der dritte Ort ist der zentrale Platz des Kastanienboulevards, einer im quartiersplanerischen Fokus liegenden Fußgängerzone.
Das Projekt »Hellersdorfer Tanzplatz« möchte die Menschen aus ihren Häusern locken und unterschiedliche kulturelle Hintergründe zusammenführen. Im Zentrum steht die Förderung eines Miteinanders und außerdem, den Spaß am Tanzen, die Freude an Kommunikation und an der Musik für jede_n erfahrbar zu machen.

Various & Gould: City Skins – Marx und Engels
›Marx-Engels-Forum, nahe Alexanderplatz (U5),
›Place Internationale, nahe Cottbusser Platz (U5)
April - Juni 2017
Das Künstlerduo Various & Gould hinterfragt in der Arbeit »City Skins – Marx und Engels« den heutigen stadtpolitischen und gesellschaftlichen Umgang mit Denkmälern. Sie stellen eine siebdruckgefertigte Papiermaché-Abformung des Marx-Engels-Denkmals in der Nähe des Roten Rathauses her. Am Beispiel dieser von Ludwig Engelhardt im Jahr 1986 fertiggestellten Bronzefiguren wird ein Diskurs über Symbolkraft im öffentlichen Raum, über Stadtplanung und die Verhältnismäßigkeit von Zentrum und Peripherie ›in Bewegung‹ gesetzt. Die Papierskulptur wurde am 1. Mai abgenommen, von der Mitte in die Pampa transportiert und wird für die Zeit vom 20. bis 28. Mai auf dem Place Internationale aufgestellt.

Laura Horelli: Namibia Today
›U-Bahnhof Schillingstraße, U5
Februar - Oktober 2017
Die Befreiungsbewegung SWAPO (South West Africa People’s Organisation) kämpfte von 1960 bis 1990 für die Unabhängigkeit Namibias von Südafrika. Seit 1990 bildet sie die Regierung. Die Künstlerin Laura Horelli betrachtet in ihren Plakaten besonders den Zeitraum 1980 bis 1985, als die englischsprachige Zeitschrift »Namibia Today« von der Druckerei Fortschritt in Erfurt in der ehemaligen DDR gedruckt wurde. Die Exilredaktion saß seinerzeit in der angolanischen Hauptstadt Luanda.
Die Künstlerin hat – inspiriert von diesen Heften – eine 18-teilige Plakatserie realisiert, die u.a. im Druckhaus Gera, dem Nachfolgebetrieb der Druckerei Fortschritt, hergestellt wurde. Die Plakatwände kombinieren jeweils eine Titelseite der Zeitschrift »Namibia Today« mit Collagen zur Geschichte des Heftes in der DDR. Da die Zeitschrift noch weitgehend unerforscht ist, entwickeln sich einige der Motive assoziativ.
Die Plakate werden im U-Bahnhof Schillingstraße an der Linie U5 präsentiert. Die Linie liegt im ehemaligen Gebiet Ost-Berlins und wird derzeit Richtung Westen verlängert. Die Künstlerin erinnert hier an die komplexe Solidaritätsgeschichte der DDR. Doch weckt der Titel »Namibia Today« auch weitere Assoziationen: Er erinnert an die Kolonialgeschichte von Deutsch-Südwestafrika (1884–1915) sowie die weiterhin offen stehenden Verhandlungen zur Anerkennung des deutschen Völkermords an den Herero und den Nama (1904–08). Was ist Namibia heute – betrachtet aus derzeitigen Perspektiven – mit Blick auf die Vergangenheit?

Claude Gomis & Saskia Köbschall: Laboratorium der Solidarität
›U-Bahnhof Kaulsdorf-Nord (U5)
Oktober 2016 - Oktober 2017
Das Projekt Laboratorium der Solidarität erforscht vergangene und aktuelle Formen der Solidarität mit antirassistischen und antikolonialen Bewegungen anhand von Erinnerungen der Bewohner_innen von Marzahn-Hellersdorf. Dabei stehen die Solidaritätsbewegungen der DDR mit dem afroamerikanischen Befreiungskampf, der Antiapartheidbewegung und der Bevölkerung Vietnams im Mittelpunkt. Während die Politik der DDR sich für weltweiten Antirassismus und antirassistische Bildungsinitiativen einsetzte, wurde Rassismus im eigenen Land systematisch verschwiegen. Ziel des Projekts ist, die Wichtigkeit von selbstreflektierenden, kritischen Formen der Solidarität in Bezug auf die sich verändernde politische, visuelle und diskursive Landschaft von Marzahn-Hellersdorf hervorzuheben: Ihre besondere Geschichte und die heutigen sozio-kulturellen Zusammenhänge könnten über ihre Grenzen hinaus neue Formen des Zusammenlebens generieren.
Die gesammelten Dokumente werden kontextualisiert und als Bildmotive in der Fußgängerbrücke oberhalb des U-Bahnhofs Kaulsdorf-Nord (U5) installiert.

Anna Kowalska: Endlich zuhause?
›station urbaner kulturen und Nachbarschaft
Dezember 2016 - Oktober 2017
Ausgangspunkt des Kunstprojekts ist die Wettbewerbseinreichung des Architekten Lucien Kroll für die Rehumanisierung der Plattenbausiedlung Alte Hellersdorferstraße aus dem Jahr 1994. Kroll schlug vor, anstatt Gebäude abzureißen, die Siedlung in Berlin-Hellersdorf in Phasen von 1994 bis 2019 rückzustufen, die Wohnungen flexibel umzugestalten und die Innenhöfe als kommunikative Orte zu etablieren. Wenige Unterlagen und ein bislang nur in französischer Sprache erschienenes Buch von Kroll sind die einzigen verbliebenen Zeugnisse der geplanten Umgestaltung. In der Siedlung wurden nur einzelne Dekorationselemente realisiert. Die Grundidee des »Inkrementalismus« – einer rücksichtsvollen Veränderung der Lebensumstände in Rücksprache mit den Bewohner_innen – wurde nicht umgesetzt.
Laut Kroll ist eines der ursprünglichsten Elemente, die eine Stadt bilden, der Pfad. Der Architekt zeichnete ein Schema aus Pfaden mit unterschiedlichen Funktionen. Der zentrale, rot markierte Pfad war inspiriert von den Bewohner_innen selbst, die im Schnee die Spur der besten Abkürzung für tägliche Erledigungen zeichneten. Diesen Pfad, der wachsen sollte, zeichnet die Künstlerin Anna Kowalska nach: als rote Linie, die sie durch die Siedlung zieht.
Ein weiterer Pfad verläuft bis zum Kastanienboulevard – dorthin, wo heute das Quartiersmanagement eine Umgestaltung mit Bürger_innenbeteiligung anstrebt.

Diana Lucas-Drogan: Die Haut von Hellersdorf
›station urbaner kulturen und Nachbarschaft
Oktober 2016-Oktober 2017
Das einjährige, künstlerische Forschungsprojekt untersucht das Verhältnis zwischen Akteur_innen, Bewohner_innen, Initiativen und Studierenden in Hellersdorf zu ihrer räumlich-gelebten Umgebung. Ein Schwerpunkt liegt auf Raumaneignung und -ausgrenzung von geflüchteten Menschen.
In einem mehrstufigen Prozess arbeitete Diana Lucas-Drogan zunächst gemeinsam mit Studierenden der örtlichen Alice Salomon Hochschule, um gesammeltes Wissen aus Gesprächen und Spaziergängen durch das Quartier künstlerisch und wissenschaftlich zu bearbeiten. Die Ergebnisse wurden im Februar dieses Jahres in der station urbaner kulturen ausgestellt. Aus den unterschiedlichen räumlich-gelebten Erfahrungen in Hellersdorf entwickelte die Künstlerin vielschichtige Counter-Mappings (dt. Gegen-Kartographien), die auf Stoff übertragen und zu Kleidung geschneidert wurden.
An drei Abenden im September werden sie von Performer_innen – wie eine zweite Haut – im öffentlichen Raum getragen. Sie kommen somit zurück an die Orte der Erzählungen und Erfahrungen.
Durch die verschiedenen Arbeitsstufen vertieft Diana Lucas-Drogan ihre Auseinandersetzung mit der Repräsentation von gelebten Räumen.

Ellen Nonnenmacher & Eva Randelzhofer: Wildwuchs & Ordnung
›Öffentlicher Raum entlang der U5
April - Oktober 2017
Mit öffentlichen Aktionen initiieren die Künstlerinnen Prozesse kollektiver Mikro-Umverteilung. Sie stellen Fragen im Stadtraum zu Eigentum, Ermächtigung und zum Umgang mit Natur. Mit einem Beteiligungsaufruf an die Nachbarschaft wird ein leerstehender Pavillon auf dem Kastanienboulevard zur seriellen Produktionsstätte individueller »Pflanzkübel To Go« aus Textiltaschen und Fließbeton. Es sollen dafür Samen u. a. vom Gelände der Internationalen Gartenausstellung (IGA) 2017 in Marzahn-Hellersdorf gesammelt und gesäht werden.
In kollektiven Aktionen werden die Pflanzkübel an Orten entlang der U5 aufgestellt, an denen unlängst Natur durch Neubauprojekte zerstört wurde. Die Kübel werden zu skulpturalen Markierungen kollektiver Stadtgestaltung von unten. Sie können wiederum von Passant_innen mitgenommen und weiter verteilt werden. Außerdem werden die Künstlerinnen an noch nicht bebauten Orten wildwachsende Natur durch das Aussähen von Samen stärken.

Elizabeth Wood: A Migrant’s Journey
›U-Bahnhof Cottbusser Platz (U5), Bahnsteig
September 2016 - Oktober 2017
A Migrant’s Journey ist eine Adaption des von Wilhelm Müller 1823/24 geschriebenen und von Franz Schubert 1827/28 vertonten Gedichtzyklus »Die Winterreise«. Die Gedichte erzählen von einem einsamen jungen Mann, der sein Dorf verlässt, um Frieden zu suchen – einen Frieden, den er nirgends finden kann. Elizabeth Wood hat einzelne Textzeilen als Erzählstrang ausgewählt, die für heutige Erfahrungen eines_r Migrant_in stehen könnte – an Orten wie Hellersdorf, an denen es sichtbare Anfeindungen gegeben hat. Für das Projekt wird altdeutsch anmutende Schrift auf einem Hintergrundmuster an den Fensterinnenseiten des Abfertigungshauses auf dem Bahnsteig des U-Bahnhofs Cottbusser Platz angebracht. Die bedruckte, transparente Acrylfolie ist – wie Buntglasfenster – durchlässig für die Innenbeleuchtung des Abfertigungshauses.

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