Kunst im Untergrund 2018: Plakat politisch machen

27. September–15. Dezember 2018
Eröffnung: 27. September 2018

Ausstellung
Intervention
Wettbewerb

Ort(e): U-Bahnhof Alexanderplatz (U5)
station urbaner kulturen, Auerbacher Ring 41, 12619 Berlin

Künstler_innen

Sven Johne, mark (Künstlerkollektiv), Stephan Kurr, Felix Pestemer & GloReiche Nachbarschaft, Mio Okido, Lars Preisser, Katharina Sieverding

Arbeitsgruppe Kunst im Untergrund

Feben Amara, Jochen Becker, Eva Hertzsch, Constanze Musterer, Adam Page

Weitere Beteiligte

Christian Hanussek

Dieses Jahr feiert der Wettbewerb Kunst im Untergrund sein 60jähriges Jubiläum. Was 1958 in der DDR mit dem Aufruf »Plakate für den Frieden« auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz begann, findet bis heute seine Entsprechung im öffentlichen Raum. Seit 1992 richtet die nGbK (damals ›NGBK‹) den internationalen Kunstwettbewerb aus. Schwerpunkt der diesjährigen Ausschreibung »Plakat politisch machen« war die Verbindung zwischen Berlin-Hellersdorf als Außenbezirk und dem Alexanderplatz als Sinnbild urbaner Zentralität und gleichzeitig traditionellem Austragungsort des Wettbewerbs. Unter dem Motto »Recht auf Stadt« thematisieren die künstlerischen Arbeiten das Verhältnis von Stadtpolitik und Teilhabe: Wer ist Stadt und wem gehört sie?

Eröffnung: 27. September 2018
Sven Johne
»Schöne sonnige Neubauwohnungen«

Alexanderplatz U5, bis 4. Oktober 2018
Für die Plakatserie wurden aus dem Bestand des Bundesarchivs und den Archiven der Tageszeitungen ›Neues Deutschland‹ und ›Berliner Zeitung‹ acht Pressefotos ausgewählt. Diese Fotografien sind in der Entstehungszeit des Ostberliner Stadtbezirks Hellersdorf publiziert worden. Sie werden ohne Beschnitt und mit dem Originaltitel und der Originalbildunterschrift, also auch der damals gewünschten politischen Kontextualisierung, reproduziert. Bild und Text sollen kommentarlos wiedergegeben werden – im Wissen, dass allein schon die Wieder-Veröffentlichung dieser Bilder einen Kommentar darstellt. Jenseits von »Ostalgie« und trotz des Wissens um die agitatorische Funktion dieser Bilder nehmen sie in ihrer Form als Schwarz-Weiß-Plakate heute auch Bezug auf aktuelle Werbebanner von ›Projektentwicklern‹ mit ihren Photoshop-bearbeiteten Mittelstandsfamilien. Sie führen uns damit schmerzhaft einen Paradigmenwechsel vor Augen: Im neoliberalen Kapitalismus wird mit einem Grundbedürfnis des Menschen (nämlich jenem nach Wohnraum) ein immer profitableres Geschäft gemacht. Sven Johnes Beitrag fragt, was absurder ist: die Bildunterschrift einer Fotografie (erschienen 1987 im SED-Zentralorgan ›Neues Deutschland‹), die besagt, dass eine »Familie Müller« (lachend vor einem Plattenbau) »ca. drei Prozent ihres Monatseinkommens für Miete zahlt« oder die Tatsache, dass dafür heute in Berlin im Durchschnitt 45 % des Einkommens aufgebracht werden müssen.

»Neues Deutschland«
station urbaner kulturen (Kontextualisierung) bis 6. Oktober 2018
Parallel zur Arbeit am Alexanderplatz erstellt Sven Johne eine Kontextualisierung seiner Arbeit in der station urbaner kulturen in Hellersdorf. In direkter Nachbarschaft wird demnächst ein Neubau mit 150 Wohnungen entstehen.
Die Installation »Neues Deutschland« (2014/18) besteht aus einer Collage originaler Zeitungen der DDR u.a. zu den Themen Bauen und Wohnpolitik. Wie eine Tapete bedeckt sie zwei Wände des Plattenbaus, in der die station ihr Zuhause gefunden hat. Die Fotokopien der originalen Beiträge mit Schlagzeilen und Titelbildern korrespondieren mit den acht journalistischen Fotografien, welche Johne aus dem DDR-Fotobestand entnommen und als Poster der Serie »Schöne sonnige Neubauwohnungen« mit Zeichen der aktuellen Wohnungswirtschaft kontrastiert.

Eröffnung: 27. September 2018
Mio Okido
»Fotografiert von einem Menschen ohne Wohnung«

Alexanderplatz U5, bis 4. Oktober 2018
http://ohnewohnung.miookido.net/
Mio Okido hat wohnungslose Menschen nach ihrer Sicht auf die Gesellschaft befragt und sie eingeladen, dafür ein Bildmotiv im Stadtraum zu fotografieren. Die daraus entwickelte Plakatserie übernimmt die Text-/Bildgestaltung der Werbekampagne »Fotografiert mit dem iPhone«, wie wir sie von großen Werbeflächen auf Bahnhöfen wie dem Alexanderplatz kennen. Während der Mobiltelefonhersteller für die hohe technische Qualität der Fotos wirbt und dafür Motive eines schwebenden, von der Realität abgehobenen Lifestyles nutzt, zeigen die Plakate von Mio Okido ein Berlin aus der Sicht von wohnungslosen Menschen. Auch auf der materiellen Ebene kontrastieren die analog und auf einem Schwarzweißfilm aufgenommenen Fotos mit der Glattheit und den satten Farben der Werbekampagne.
Die partizipatorische Herangehensweise der Künstlerin setzt auf das Teilen ihrer Ressourcen mit einer Gruppe von Menschen ohne Wohnung. Gemeinsam beanspruchen sie zehn Tage lang das Recht der Corporate-Werbung, das Stadtbild mit Motiven zu prägen und damit ihr Recht auf Stadt. Das Kunstwerk stellt Fragen nach gesellschaftlicher Teilhabe und danach, wer die Stadt wie repräsentieren darf.

Mio Okido in Zusammenarbeit mit: KLIK e.V., KuB — Kontakt- und Beratungsstelle, Berliner Jugendclub e.V., Unter Druck — Kultur von der Strasse e.V.

Eröffnung: 16. November 2018
Stephan Kurr
»What you see is what you don’t get«

Alexanderplatz U5, bis 26. November 2018
Die Fotos von Stephan Kurr zeigen sechs Ausschnitte aus dem Stadtraum in Berlin-Hellersdorf und in Berlin-Mitte. Auf den ersten Blick sehen sie wie private Schnappschüsse aus, bei genauem Hinsehen sehen wir Text-, Bild- und Werbebotschaften, die sich in die Wirklichkeit des Ortes hineindrängen. Was ist die Diskrepanz zwischen den Versprechen, die in den Botschaften liegen, und den realen Zuständen?

Eröffnung: 16. November 2018
mark
»Frag Hellersdorf – Stell Deinem Bezirk Deine Frage!«

Alexanderplatz U5, bis 26. November 2018
Das partizipative Projekt der Künstlergruppe mark möchte Hellersdorfer Anwohner_innen eine Stimme geben und sammelte vier Wochen lang ihre Fragen an ihren Bezirk: Persönliches, Gesellschaftliches, aktuell Politisches, Stadtbezogenes. Drei ausgewählte Fragen werden anonym auf drei Großplakaten veröffentlicht. Der größere Teil der Sammlung ist online unter askyourtown.de einsehbar.

Eröffnung: 16. November 2018
Felix Pestemer & GloReiche Nachbarschaft
»Shopping Spree«, »Sozial Romantiker«, »Crane Invasion«

Alexanderplatz U5, bis 26. November 2018
Der Künstler Felix Pestemer ist Teil der Kreuzberger Initiative GloReiche Nachbarschaft, die sich gegen Verdrängung von Wohnungs- und Gewerbemieter_innen in ihrem Kiez engagiert. Seine Motive entstanden aus Gesprächen mit Mitgliedern der Initiative. Wichtige Kritikpunkte sind der Ausverkauf der Stadt durch Investor_innen aus der ganzen Welt, die mietpreissteigernde Bebauung von Brachflächen mit Luxuswohnungen und wie eine unternehmerfreundliche und unreflektierte Politik den Lebensraum der Stadtbewohner_innen preisgibt.

Eröffnung: 29. November 2018
Lars Preisser
»Die letzten Brachen«

Alexanderplatz U5, bis 6. Dezember 2018
Lars Preisser filmt Brachflächen in Berlin. Sie haben eine besondere Bedeutung für ihn – Kindheitserinnerung und signifikantes Merkmal der Stadt. Er versteht sie als Denkmäler und sieht in ihnen ein Stück Natur abseits der geordneten Stadtflächen und Parks. Die Standbilder auf seinen Großplakaten entstammen seinem filmischen Archiv der verschwindenden Brachflächen Berlins.

Eröffnung: 29. November 2018
Katharina Sieverding
»Kunst im Untergrund 1958 – 2018 / Hellersdorf«

Alexanderplatz U5, bis 6. Dezember 2018
Auf der einen Seite: Hellersdorf ist das Ziel der Reise der zwei Berliner Zeitgenoss_innen, die auf dem Bahnsteig Frankfurt-Flughafen beginnt. Auf der anderen Seite: Ein Motiv mit sich überlagernden Bildebenen: Das Modell der KZ-Anlage Sachsenhausen und das Holocaust-Mahnmal, Denkmal für die ermordeten Juden Europas in der historischen Mitte Berlins. Die Bildzusammenhänge sollen das Nachdenken über die Gründe der Aktualisierung von Ausgrenzung, Rechtspopulismus, Rassismus und Antisemitismus initiieren.

station urbaner kulturen (Kontextualisierung) bis 15. Dezember 2018
In Hellersdorf präsentiert Katharina Sieverding weitere Arbeiten, die vormals im öffentlichen Raum installiert waren: »Deutschland wird deutscher«, »Die Pleite« und »Global Desire I + II« treten somit in Bezug zur parallelen Plakatausstellung am Alexanderplatz.

»Auf einer der älteren Arbeiten Katharina Sieverdings, die in der station urbaner kulturen dokumentiert ist, steht zu lesen: Am falschen Ort. Dies schreibt die Künstlerin - im Prinzip und unausgesprochen - über alle Arbeiten, die einerseits mit Deutschland und andererseits mit dem Diskurs der Ortsspezifik zu tun haben. Man kann an die Konkretheit der Orte nur heran, wenn man sie in einen produktiven Antagonismus zu der Tatsache stellt, dass die Ambition der Kunst einen anderen Ort gegen die (politische) Zumutung der Wirklichkeit verlangt: Orte der Beobachtung, Kritik, Reflexion, Unterbrechung. Deutschland ist in verschiedener Hinsicht der falsche Ort: ein Ort, an dem Jüdinnen und Juden ihr Leben verloren, an dem ortsspezifische Bauten diesen Umstand benennen, ratifizieren oder ihn zu umgehen, ja ihm entfliehen zu versuchen und, wie auf den neuen Arbeiten auf den Bahnsteigen 3 und 4 der Linie U5 im U-Bahnhof Alexanderplatz, zu sehen ist: ein sehr konkreter Ort der Überlagerungen, konkrete Architektur von Mahnmal und KZ, von Verkehr, Bewegung, Begegnung, ja der Faszination durch die historischen Orte hindurch. Vom Alexanderplatz nach Hellersdorf.«
Diedrich Diedrichsen, 2018

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