Raumschiff Jugoslawien. Die Aufhebung der Zeit

24. September–30. Oktober 2011
Eröffnung: 23. September 2011

Ausstellung
Publikation

Ort(e):
NGBK, Oranienstrasse 25
Kino Arsenal, Potsdamer Straße 2

Künstler_innen

Damir Arsenijević, Phil Collins, Marijan Crtalić, Bojan Fajfrić, Igor Grubić, Grupa Spomenik, Nina Höchtl, Hristina Ivanoska, Adela Jušić / Lana Čmajčanin, Klopka za pionira, Vjollca Krasniqi, Marko Krojač, Sebastjan Leban / Staš Kleindienst, Marcel Mališ, Peter Mlakar / Laibach, Alban Muja, Vesna Pavlović, Jelena Petrović, Vahida Ramujkić, Dubravka Sekulić, Branimir Stojanović, Milica Tomić

Arbeitsgruppe

Naomi Hennig, Jovana Komnenić, Arman Kulašić, Dejan Marković, Arnela Mujkanović, Katja Sudec, Anita Šurkić

‘Raumschiff Jugoslawien – Die Aufhebung der Zeit’ blickt aus der Gegenwart auf den Umgang mit der (post-)jugoslawischen Geschichte. Es werden künstlerische Projekte und theoretische Standpunkte präsentiert, die kulturelle und ästhetische sowie politische und sozioökonomische Aspekte der postjugoslawischen Realität beleuchten. Die Ausstellung sucht kritische Sichtweisen auf die multiplen Politiken der ehemals jugoslawischen Nationalstaaten in der so genannten Transition zum Kapitalismus zu stärken und zu etablieren.

Seit der Transformation der europäischen sozialistischen Staatssysteme (nach 1989) artikulieren sich politische Positionen des Postkommunismus dadurch, dass sie nahezu alle Facetten des ehemaligen Systems als Teile eines totalitären Gebildes abwerten, um ihren Freiheitsanspruch zu rechtfertigen - Freiheit in Bezug auf ethnische Identität und/oder auf privates Eigentum. Die vielfach als ‘historisch’ abgelegte Thematik einer sozialistischen Realität wird in der Ausstellung konträr dazu neu verankert und als alternative Konstruktion neu denkbar und benennbar gemacht. Sie wird aus dem Bereich des Persönlichen/Privaten evakuiert und im Hinblick auf konkrete politische Entwicklungen – etwa die vollzogene oder bevorstehende Eingliederung der ex-jugoslawischen Staaten in die Europäische Union – untersucht.

Jenseits romantisierender Rückblicke oder (kunst-)historisch abgesicherter Positionen der Dissidenz werden in der NGBK Arbeiten überwiegend jüngerer Künstler_innen präsentiert. Die Ausstellung versteht sich als Plattform selbst-initiierter Bildung sowie als Reflektionsrahmen, innerhalb dessen sich ein Spektrum kritischer Perspektiven auf die Vergangenheit wie auf die Gegenwart manifestieren kann. ‘Raumschiff Jugoslawien’ fragt danach, auf welche Weise heute die sozialistische Vergangenheit konstruktiv reflektiert werden kann – eine Vergangenheit, die der jüngeren Generation zumeist nur durch den Filter einer ideologisch motivierten, öffentlichen Ablehnung zugänglich war und ist.

Inwiefern eine von Revisionismus und Nostalgie Abstand haltende Anerkennung der Vergangenheit zur Konzeption zukünftiger gesellschaftlicher Veränderungsprozesse beitragen kann, ist eine Frage, die sich nicht in der Auseinandersetzung mit Geschichtsbildern in Ex-Jugoslawien erschöpft. Auch in Berlin scheint es durchaus angebracht, diese Frage im Hinblick auf die Narrative des deutschen Wende- und Einheitsdiskurses zu stellen. ‘Raumschiff Jugoslawien – Die Aufhebung der Zeit’ legt seinen Betrachter_innen nahe, normativen Erzählungen zu misstrauen und diesen die genaue Recherche und ästhetische Auseinandersetzung entgegen zu halten.

Grupa Spomenik (Damir Arsenijević, Jelena Petrović, Branimir Stojanović, Milica Tomić / Gäste: Vjollca Krasniqi, Dubravka Sekulić)

Es erscheint ein Ausstellungsreader bei argobooks.

Pressestimmen

Tagesspiegel 05.11.2011 (Nadine Lange)
“Die Gruppenausstellung ‘Raumschiff Jugoslawien – Die Aufhebung der Zeit’ in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst thematisiert aus aufschlussreichen Blickwinkeln die Erinnerungskultur sowie die gegenwärtigen Übergangsprozesse der post-kommunistischen Gesellschaften.”

Veranstaltungsprogramm:

Workshop & Diskussion, Moderiert von Vjollca Krasniqi
24. September 2011, 12.00h
What ist the Name of War Today?
(Was ist heute der Name für Krieg?)

Čega je danas ime rat? (Wie lautet der Name des Krieges heute?) ist eine von Grupa Spomenik initiierte Plattform, die bislang Übersetzungsgruppen aus Prishtina, Ljubljana, Maastricht, Zagreb, Tuzla und Belgrad zusammengeführt hat. Diese Gruppen haben Auszüge aus Catherine Hass’ Text „Qu’appellet-on une guerre? Enquete sur le nom de guerre aujourd’hui” übersetzt, diskutiert und verbreitet. Die Übersetzungsgruppen haben Fragen zur zeitgenössischen Konzeption von Krieg gestellt. Sie diskutierten notwendige Grundbegriffe im Kontext des gegenwärtigen globalen und permanenten Krieges – Vokabular, das zu einem besseren Verständnis der Geschichte des Krieges in der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien beiträgt. Durch diese langfristige Arbeit setzt Grupa Spomenik ihre Recherche zu der Fragestellung fort, inwieweit ein Raum für offene, kritische und engagierte Diskussion zu den Kriegen der 1990er Jahre gedacht und produziert werden kann. Sie schafft damit auch einen Raum für die Anerkennung neuer Formen der Gemeinsamkeit und – nicht zuletzt – für die Jugoslawien-Forschung.

Erweiterung der Arbeit “What is the Name of War Today?” („Was ist heute der Name für Krieg?“)
GRUPA SPOMENIK (Monument Group) und Übersetzungsgruppen :

Grupa Spomenik (Damir Arsenijević, Jelena Petrović, Branimir Stojanović, Milica Tomić), Antonia Majača, Vjollca Krasniqi, Ivana Bago, Dren Berishaj, Shrpe¬sa Veliqi, Donjete Sadiku, Lidija Radojević, Katja Sudec, Tjaša Pogačar, Dubravka Sekulić, Žiga Testen, Dragana Jovović, Branislav Đorđević, Azra Čaušević, Lejla Osmić, Asmir Fazlić, Noa Treister, Tanja Simić Bercloz, Vida Knežević, Marko Miletić, Vladimir Miladinović, Nenad Porobić, Marija Ratković, Jovanka Vojinović, Srđan Hercigonja, Dejan Vasić, Anja Bogojević, Husein Oručević, Ronald Panza, Amila Puzić, Mili Sefić, Naomi Hennig, Jovana Komnenić, Arman Kulašić, Dejan Marković, Arnela Mujkanović, Katja Sudec, Anita Šurkić.

Unterstützt von der Rosa Luxemburg Stiftung

Workshop mit Vahida Ramujkić
2 & 3 October 2011, 12-16 Uhr
Geschichte in Verhandlung: Meine persönliche Weltgeschichte
Offizielle historische Erzählungen, die in Jugoslawien (und vielen anderen Teilen der Welt) am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts stattfanden, haben unsere Vorstellung von „historischen Wahrheiten“ in Frage gestellt. Es ist klar geworden, dass Glaube, Nation, Ideale, Zugehörigkeit, Staatlichkeit und persönliche Identität nicht gott- oder naturgegeben sind, sondern jeweiligen Schwankungen und Transformationen herrschender Denksysteme und ideologischer Narrative unterworfen sind.

Während sich die jugoslawische Föderation durch die Konflikte in kleinere ethnische Einheiten zersplitterte und sich mit der Unabhängigkeit der ex-jugoslawischen Nationalstaaten parallele historischen Erzählungen und Interpretationen formten, schlug Europa einen anderen Weg ein, der in Richtung einer wirtschaftlichen und politischen Union, einer Überwindung territorialer Grenzen und normativer Teilungen führen soll: es entstanden zwei Prozesse, die einander entgegengesetzt erscheinen.

Dieser Workshop stellt persönliche Lesarten und Interpretationen von Geschichte, die Neuschreibung von Geschichtsbüchern für den Schulunterricht aus dem ehemaligen Jugoslawien und aus Deutschland (Ost und West) vor, die sich in letzten Dekaden herausbildeten. Die sprachliche, visuelle und geschichtliche Analyse der ausgewählten Materialien wird praktisch durch die Erstellung neuer Inhalte aus persönlicher Perspektive und Erfahrung mit Hilfe der Assemblage-Technik umgesetzt.
ORT: NGBK, Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Oranienstrasse 25, 10999 Berlin
SPRACHE: Deutsch, Serbo-Kroatisch, Englisch.
Die TeilnehmerInnen werden eingeladen, sich gegenseitig mit den Übersetzungen zu unterstützen, die Inhalte durch ihr eigenes Wissen zu ergänzen und gemeinsam zu diskutieren.

Führungen
Sonntags, 25. September, 2., 16., 23. & 30. Oktober 2011, 17 Uhr

KOMBICAR: Sonntag den 09.10.2011
Kunstvermittlungsprogramm
Am 9. Oktober 2011 ist es wieder so weit: Das Kombicar des Kombiticket-Kunstvermittlungsangebots der NGBK startet zu seiner dritten Runde, diesmal im Rahmen der gerade eröffneten NGBK-Ausstellung „Raumschiff Jugoslawien“. Steig mit dem Journalisten, Balkan-Historiker und Kenner der (ex-)jugoslawischen Communities in Deutschland Rüdiger Rossig und der NGBK-Kombiticket-Programm-Managerin Catriona Shaw ein in das Kombicar - und nimm teil an einem Ritt durch das balkanische Berlin, bei dem wir in bekannten und unbekannten Locations prominente und unbekannte Akteuren der lokalen Ex-Jugo Szene treffen.
Im Kombicar können – zusätzlich zur Ogranisatorin, dem Fahrer und dem Stadtführer - bis zu fünf Personen mitfahren. Für alle Stationen ist eine Anmeldung erforderlich - man kann sich allerdings nur für eine Strecke im Auto anmelden. Gäste, die selbständig zu den Stationen kommen wollen, müssen sich ebenfalls anmelden und ihren Weg dorthin selbst finden.
Die Toursprache ist Deutsch, Übersetzung auf Englisch und das ehemalige Serbokroatisch sind bei Bedarf möglich.

Zum Abschluss präsentiert Kombicar einen besonderen Leckerbissen:
Im Geheimkino “Blauen Apfel” im Norden der Stadt wird ein spannender Dokumentarfilm über Berliner (Ex-) Jugos gezeigt. Und dazu gibt es die Möglichkeit, vom Betreiber selbst zubereitete Leckerbissen zu kosten.

Abholorte/Stationen:
Jeweils 5 Passagiere pro Autostrecke, weitere 5 Anmeldungen für die Stationen möglich (selbständig hinkommen)
1. 13:00 - Abholort: NGBK, Oranienstrasse 25, Kreuzberg - Station: Südost Europa Kultur e.V.
2. 14:00 - Abholort: Hallesches Tor U-bahn Station, gegenüber von der Amerikanische Gedenksbibilothek -
Station: Rroma Café Theater
3. 15:00 - Abholort: Hermannstrasse, hohe U-Bahnhof Boddinstrasse, Nördlicher Eingang - Station: Islamski Kulturni Centar
4. 16:00 - Abholort: Ritterstrasse, GIDA Supermarkt am Kottbusser Tor - Station: Atelier Lovro Artuković
5. 17:00 - Abholort: Hermannplatz U-bahn, Hasenheide, vor Pizza Delicia - Station: Blauer Apfel

Filmprogramm
6.- 8. & 12.- 14. Oktober 2011, Kino Arsenal, Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin
YU GO Banditen (Yu Go Bandits), kuratiert von Vedrana Madžar
Mit begleitendem Videoprogramm, kuratiert von Nataša Tepavčević