bê welat - the unexpected storytellers

26. Juni–15. August 2021

Ausstellung
Veranstaltungsreihe

Ort(e):
nGbK, Oranienstraße 25, 10999 Berlin

Künstler_innen

Deniz Aktaş, Havin Al-Sindy, Beizar Aradini, Nuveen Barwari, Mehmet Ali Boran, Savaş Boyraz, Mahmut Celayir, Fatoş Irwen, Miro Kaygalak, Elif Küçük, Şener Özmen, Zelal Özkan, Hêlîn Şahin

Teilnehmer_innen

Hogir Ar, Mizgîn Müjde Arslan, Mihemedê Beyro, Yildiz Çakar, Özgür Çiçek, Ali Kemal Çınar, Hesen Ildiz, Hero Kurda, Mîrza Metîn, Hêja Netirk, Fatma Savci, Karosh Taha, Diako Yazdani, Soleen Yusef, Helim Yûsiv, Berfin Zenderlioğlu

Arbeitsgruppe

Bilal Ata Aktaş, Elif Küçük, Şener Özmen, Duygu Örs, Engin Sustam

Die Gruppenausstellung »bê welat – the unexpected storytellers« widmet sich der Vielfalt künstlerischer Wege, die zur Bewältigung von kurdischen Realitäten herangezogen werden – Realitäten, die hauptsächlich von kollektiven Depressionen, Formen von Widerstand, Traumata sowie Bedingungen von Krieg, Kolonialismus, verbotenen Sprachen und Exil gekennzeichnet sind. Dabei steht der Zustand des ›bê welat‹, also der Heimat- und Staatenlosigkeit, im Zentrum. Dieser fordert das Verhandeln und Entwerfen von neuen, selbstermächtigenden Räumen. Die nGbK soll in diesem Sinne nicht nur als statischer Ausstellungsort genutzt werden: Im Gegensatz zu den verschiedenen fragilen und flüchtigen kurdischen Räumen stellt das vielschichtige, von kurdischen Künstler_innen und Akademiker_innen kuratierte Programm vielmehr eine Einladung dar, sich mit Auswirkungen von staatlicher Gewalt, (Neo-)Kolonialismus und Assimilierung auf die zeitgenössische kurdische Kunst zu beschäftigen.

Während ›das Kurdische‹ weltweit überwiegend mit politischem Aktivismus und Widerstand assoziiert wird, werden künstlerische Auseinandersetzungen von Kurd_innen als etwas vermeintlich Unerwartetes verstanden. Doch können auch diese weitere Formen dekolonialer Praktiken und Selbstverortungen darstellen. Ausgehend von der verblassenden Tradition der ›dengbêjs‹ – musikalische Dichter_innen, die kurdische Vergangenheiten und Gegenwarten mündlich bewahren – sollen neuere künstlerische Methoden der Erzählung und Materialisierung kurdischer Realitäten erforscht werden. Die im Rahmen des Projekts ausgestellten Werke verbinden Kurdistan und seine Diasporen und reichen von Neuinterpretationen traditioneller Ästhetiken, über Fotografie und Malerei bis hin zu digitaler Bildhauerei und Videokunst. In den eingeladenen künstlerischen Perspektiven werden unter anderem Geografien, Sprache sowie Körper neu definiert. Im Begleitprogramm wird die Diskussion rund um ›bê welat‹ durch Gespräche mit Autor_innen, Künstler_innen, Filmemacher_innen, Musiker_innen und Akademiker_innen erweitert. Anhand der Betrachtung verschiedener Genres, wie Musik, Theater, Literatur und Film, soll eine multidisziplinäre Interaktion innerhalb der zeitgenössischen kurdischen Kunstszene ermöglicht werden. Fernab von nostalgischen, romantisierenden und orientalistischen Darstellungen sollen dabei kritische Auseinandersetzungen initiiert werden, die materielle Zusammenhänge sowie Strategien und Perspektiven von kurdischer Resilienz ans Licht bringen.

Termine:

Freitag, 25. Juni 2021, 14:00-21:00
nGbK / Instagram
Soft Opening

1.-31. Juli 2021
Online Film-Screening (OmU> en)
Vimeo
»Gênco« von Ali Kemal Çınar
»Toutes les vies de Kojin / The Many Lives of Kojin« von Diako Yazdani
»Ez firiyam tu mayî li cî / I flew you stayed« von Mizgîn Müjde Arslan

9.-11. Juli 2021
Online Film-Screening (OmU> en)
Vimeo
»Haus ohne Dach« von Soleen Yusef

Freitag, 2. Juli 2021, 18:00-19:30 (en/kur)
Online-Lecture Performance
»The voice of female dengbejs / Dengê dengbêjên jin« mit Hêja Netirk

In einer Lecture Performance analysiert Hêja Netirk Lieder, die von weiblichen ›dengbejs‹ – musikalischen Barden, die die kurdische Vergangenheit und Gegenwart mündlich bewahren – interpretiert werden. Dabei konzentriert sie sich auf die Inhalte – die Geschichte und der Gebrauch der Sprache sowie der Einfluss der Kultur und der Interpreten auf den Text –, um die Produktionsweisen der Frauen in diesen Liedern nachzuzeichnen.

Hêja Netirk ist eine in Hamburg lebende Sängerin und Schauspielerin. Sie wurde 1988 in Mêrdîn in Nordkurdistan geboren. Während ihres Studiums der Anglistik und Literatur an der Boğaziçi Universität trat sie dem Folk Music Club bei und begann sich musikalisch weiterzubilden. Netirk forschte über traditionelle kurdische Musik und nahm an Musikkompilationsprojekten teil. Zudem arbeitete sie in einem Literaturclub, wo sie viele Jahre lang eine kurdische Zeitschrift herausgab.

Samstag, 10. Juli 2021, 18:00-19:00 (kur)
Online-Theater-Workshop
»Çîrokên bêzincîrkirî / Unchained stories« mit Berfin Zenderlioğlu

Host: Bilal Ata Aktaş

In diesem Theater-Workshop entwerfen die Teilnehmer_innen eine vollständige Geschichte, indem sie jeweils verschiedene Zeilen voneinander sammeln. Basierend auf diesen Zeilen wird die endgültige Handlung der Geschichte durch die Kette von Einleitungs-, Hauptteil- und Schluss-Absätzen dekonstruiert, und schließlich das protagonistische und das antagonistische Dilemma enthüllt. Auf diese Weise wird eine neue theatrale Welt geschaffen und ein kollektiver Ansatz auf dramaturgische Art und Weise bereitgestellt.

Berfin Zenderlioğlu hat ihren Abschluss an der Universität Istanbul, Abteilung für Theaterkritik und Dramaturgie. Derzeit studiert sie im Master an der Istanbul / Aydın Universität, Abteilung für Darstellende Kunst. Seit 2004 arbeitet sie aktiv als Schauspielerin, Trainerin und Regisseurin im Theater. Im Oktober 2008 gründete sie zusammen mit Mîrza Metin das Destar Theater, das später zu Şermola Performance wurde. Sie arbeitet als Regisseurin, Schauspielerin und Dramaturgin in Theatern wie Şermola, Seyri Mesel, İkincikat, Kadıköy Emek Theater, Bakırköy Municipality Theatre, Galataperform, Aysa Tiyatro, Poyraz Yapım, Kumbaracı50 und Fringe Ensemble. Ihre Stücke wurden mehrfach von verschiedenen Institutionen ausgezeichnet und nominiert. Derzeit arbeitet sie als Dozentin an verschiedenen Universitäten.

Mittwoch, 14. Juli 2021, 18:00-19:30 (en)
Online-Gespräch
»Roads to take through film« mit Mizgîn Müjde Arslan, Özgür Çiçek und Soleen Yusef

Moderation: Özgür Çiçek

In dem Gespräch zwischen der Filmwissenschaftlerin Mizgîn Müjde Arslan und den beiden Filmemacherinnen Soleen Yusef und Özgür Çiçek treffen Filme und Wege zusammen. Das Filmemachen unterwegs steht dabei im Fokus. Indem sich auf die Möglichkeiten fiktionaler und dokumentarischer Formen innerhalb des Roadmovie-Genres bezogen wird, werden Positionen der Kamera und der Filmemacher_innen während der Reise des Films hinterfragt. Welchen Einfluss kann die Reise selbst auf das Filmemachen haben? Was sind die Möglichkeiten des Roadmovies? Wie entwickeln sich die Umstände während des Weges für fiktionale und dokumentarische Formen? Wie gelingt es den Filmemacher_innen, unerwartete Hindernisse und Möglichkeiten zu überwinden? Wie entfaltet sich die kurdische Geschichte und Kultur auf der Reise?

Mizgîn Müjde Arslan wurde in Mêrdîn (Mardin, TR) geboren. Nachdem sie sechs Jahre lang als Journalistin gearbeitet hat, begann sie eigene Kurz- und Dokumentarfilme zu drehen, die sich hauptsächlich mit Frauen und kulturellen und sozialen Themen beschäftigen. Mit ihrem ersten Kurzfilm »Son Oyun« (Das letzte Spiel, 2006) erhielt Arslan verschiedene nationale und internationale Auszeichnungen. Ihr erster Dokumentarfilm »Ölüm Elbisesi Kumalık« (Ein tödliches Kleid, Polygamie, 2009) wurde auf dem Istanbul Film Festival uraufgeführt und auf TV 24 und IMC TV ausgestrahlt. Der erste Dokumentarfilm in Spielfilmlänge »Ez Firiyam Tu Mayî Li Cî« (I Flew, You Stayed, 2012) wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem vom türkischen Verband der Filmkritiker als Dokumentarfilm des Jahres (2013) und mit dem Mirella Galetti Award in Italien (2014). Der Kurzfilm »Houses with Small Windows«, an dem sie sowohl mitgeschrieben als auch mitgespielt hat, wurde für den offiziellen Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig (2013) ausgewählt und gewann den Europäischen Kurzfilmpreis sowie viele weitere Auszeichnungen. Seit 2013 lebt Arslan in London, wo sie weiterhin als freiberufliche Journalistin, Rechercheurin, Regisseurin, Autorin und Redakteurin arbeitet.

Özgür Çiçek ist Filmwissenschaftlerin und promovierte im Programm Philosophie, Interpretation und Kultur an der Binghamton University, New York. Sie war Gastwissenschaftlerin am Brandenburgischen Zentrum für Medienwissenschaften (ZeM) und Luigi Einaudi Chair Scholar am European Studies Institute der Cornell University. Ihre Forschungsinteressen umfassen nationale und transnationale Kinos, ‘kleine’ Kinos, migrantische Kinos, Erinnerungsstudien und Dokumentarfilme. In ihrem aktuellen Projekt untersucht sie die Motivationen und Dynamiken des kurdischen Filmschaffens in Deutschland.

Soleen Yusef wurde in Duhok/Irak, Kurdistan, geboren. Im Alter von neun Jahren musste sie mit ihrer Familie aufgrund der politischen Verhältnisse nach Deutschland fliehen. Nach dem Abitur in Berlin besuchte sie die Akademie für Bühnenkunst in Baden-Württemberg, wo sie als Sängerin und Schauspielerin ausgebildet wurde. Schließlich landete Yusef für einige Jahre in der Filmbranche und war Produktions- und Regieassistentin bei Mîtosfilm. 2008 begann sie ein Studium der Spielfilmregie an der Filmakademie Baden-Württemberg. Ihr Film »TRATTORIA«, den sie im dritten Jahr produziert hat, feierte 2012 auf den 62. Internationalen Filmfestspielen Berlin Premiere. Yusef wurde 2012 mit dem Deutschlandstipendium ausgezeichnet und nahm 2013 als Baden-Württemberg-Stipendiatin am UCLA Workshop an der Filmakademie in Los Angeles teil.

Samstag, 24. Juli 2021, 17:00-19:00 (kur)
Livestream
Gespräch
»Li sirgûnê wêje, li malê berxwedan / Literatur im Exil, Widerstand zu Hause« mit Yildiz Çakar, Hesen Ildiz, Fatma Savci, Karosh Taha und Helim Yûsiv

Moderation: Bilal Ata Aktaş

Die moderne kurdische Literatur wurde gegen Ende des 20. Jahrhunderts im Exil geboren. Der Kurdischen Sprache selbst fehlte jegliche institutionelle Bildung; aufgrund der verhinderten und sogar verbotenen Weiterentwicklung, Verwendung und Verbreitung der Sprache wurden viele Kämpfe geführt. Insbesondere durch die Arbeit einer Gruppe von politisch unterlegenen, aber widerständigen Einzelpersonen in der Diaspora, hat die kurdische Sprache ihre uneinheitliche, aber immer beständige Identität aufrechterhalten. Die Sprache, die in der Diaspora als Literatursprache produktiver und „bequemer“ genutzt wird und wurde, wird zu Hause in Kurdistan weiterhin marginalisiert. Daher bleibt der Schatten des Widerstands als Begriff über der kurdischen Literatur, die versucht, die eigene Gesellschaft aus einer dekolonialen Perspektive zu betrachten.

Im Rahmen von »bê welat – the unexpected storytellers« kommen Yildiz Çakar, Hesen Ildiz, Fatma Savci, Karosh Taha, Helim Yûsiv – allesamt Autor_innen unterschiedlicher Generationen und Herkunft - zusammen, lesen Passagen aus ihren Werken und tauschen sich über das heilende, transformative, aber auch das unheimliche Gesicht der Literatur aus.

Samstag, 31. Juli 2021, 14:00-16:00 (kur/en)
Treffpunkt: Park am Gleisdreieck (Möckernstraße Ecke Hornstraße)
Theater-Workshop
»Agoraya Lîstikan / Agora of games« mit Mîrza Metîn

Mîrza Metîn lädt in diesem Workshop zu einer ontologischen Reise ein. »Agora der Spiele« umfasst eine Reihe von traditionellen kurdischen Spielen und konzentriert sich dabei auf ihre Interpretation mit theatralischen Methoden. Während des gesamten Workshops zielt die Energie, die diese traditionellen Spiele in den Körper bringen, darauf ab, die Teilnehmer_innen näher an Dionysos heranzuführen.

Mîrza Metîn wurde 1980 in Kars geboren und lebt und arbeitet derzeit in Köln. Er studierte Schauspiel am Mezopotamia Kulturzentrum und Tanz an der Abteilung für Volkstänze der Technischen Universität Istanbul, Türkisches Musikkonservatorium. Er schloss sein Studium an der Istanbuler Universität, Abteilung für Dramaturgie und Theaterkritik ab und arbeitet seit 1994 als Theaterschauspieler. Im Jahr 2008 gründete Metîn zusammen mit Berfin Zenderlioğlu das Şermola Performans (vorher Destar Theater) und wurde von verschiedenen Institutionen für die von ihm geschriebenen, inszenierten und aufgeführten Stücke ausgezeichnet. Er arbeitet zudem als kurdischer Koordinator von EuroDram (European Network for Drama in Translation) und ist Co-Direktor von NEXUS (Kurdisch-Deutsches Theater-Netzwerk). Metîn überprüft die Tradition der ›dengbêj‹ und ›çîrokbêj‹ (kurdische Geschichtenerzähler) in den Bereichen Stimme, Atmung und Geschichtenerzählen, leitet Workshops und forscht mit diesen Experimenten weiter über das Schauspielen. Einige seiner Stücke wurden unter anderem ins Zazaische, Türkische, Deutsche, Englische, Ungarische und Französische übersetzt.

Freitag, 6. August 2021
Veröffentlichung Videodokumentation (OmU> en)
Videoportraits von Mihemedê Beyro, Ali Kemal Çınar und Diako Yazdani

Amed, Paris und Istanbul sind alles Städte mit unterschiedlichen kurdischen Leben und Dynamiken. An diesen Orten kreuzen sich verschiedene Herangehensweisen zu Heimat, dem Geschichtenerzählen und zu ›bê welat‹, der Bedingung von Heimat- und Staatenlosigkeit. In den musikalischen Werken von Mihemedê Beyro und den filmischen Arbeiten von Ali Kemal Çınar und Diako Yazdani finden sich unterschiedliche Aushandlungen dieser Themen wieder, die in drei Videoporträts vorgestellt werden. Ausgehend von der Idee, dass die erste Heimat das eigene Zuhause ist, laden sie die Zuschauenden zu sich nach Hause ein und sprechen über ihre künstlerische Praxis. Diese Porträts werden zusätzlich auf dem Instagram-Kanal von bê welat veröffentlicht (@be_welat).

Mihemedê Beyro lebt und arbeitet in Istanbul. Er ist einer der wichtigsten Vertreter der dengbêj-Tradition, die von Meister zu Lehrling weitergegeben wird. Die Geschichten, die er erzählt, bieten seit vielen Jahren weithin bekannte Beispiele für die kurdische mündliche Tradition.

Ali Kemal Çınar lebt und arbeitet in Amed (Diyarbakır) und ist Drehbuchautor und Regisseur von zehn Kurzfilmen. Im Jahr 2013 veröffentlichte er mit »Short Film« seinen ersten Spielfilm, der wiederum von seinen Kurzfilmen beeinflusst wurde. Sein Film »Hidden« (2015) erhielt den Preis des türkischen Filmkritikerverbandes für den besten Film beim 15. !f Istanbul Independent Film Festival und den Jurypreis beim 28. International Queer Film Festival, Hamburg. Çınar ist vor allem für den Film »Gênco« (2017) bekannt.

Diako Yazdani ist ein kurdischer Filmemacher aus Ostkurdistan/Nordwestiran und lebt und arbeitet derzeit in Paris, Frankreich. Sein Dokumentarfilm »Kojin« verschaffte ihm eine wichtige Sichtbarkeit, in dem er die Geschichte von »Kojin« erzählt, einem 23-jährigen schwulen Freund, der seine gläubige Familie, Freund_innen und andere Mitglieder der kurdischen Gemeinschaft mit ihren Vorurteilen gegenüber Homosexualität konfrontiert.

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