KREISE ZIEHEN 5

Großsiedlungen und die Produktion von Bildern ihrer selbst

30. Mai–2. Oktober 2021

Ausstellung
Ausstellungsreihe
Veranstaltungsreihe

Ort(e):
Place Internationale, Carola-Neher-Straße / Ecke Maxie-Wander-Straße, 12619 Berlin

Künstler_innen

Eva Hertzsch & Adam Page, Atelier Lucien Kroll, Sandra Bartoli & Silvan Linden

Arbeitsgruppe station urbaner kulturen

Juan Camilo Alfonso Angulo, Jochen Becker, Fabian Bovens, Eva Hertzsch, Margarete Kiss, Constanze Musterer, Adam Page

KREISE ZIEHEN
Ausstellungsreihe seit Mai 2018

Die bildenden Künste sowie die künstlerisch informierte Stadtforschung bewegen sich im Feld der ›urban cultures‹ verstärkt aufeinander zu. Urbanität und gebauter Raum werden durch Kunst erkundet, erlebt und erzählt. Ein Feld der Auseinandersetzung sind Großsiedlungen der 1960er bis 1990er Jahre. Sie haben Dimensionen, die der Größe einer Kleinstadt entsprechen. Zentrale Funktionen einer Stadt, wie etwa die Künste und das Kulturleben, werden jedoch weiterhin im Zentrum verortet. Die Großsiedlungen bleiben deswegen vielen Menschen einer Stadt merkwürdig fremd.

Die Ausstellungsreihe KREISE ZIEHEN möchte neue Narrative und Bilder erzeugen, um die scheinbare Homogenität von Großsiedlungen zu hinterfragen und Widersprüchlichkeiten nachzuzeichnen. Wie entstehen Stereotype von Orten, wie werden sie von außen gesetzt und von innen weitergeführt? Wie können Bilder in der Peripherie entstehen, die nicht von außen ein ›Image‹ überstülpen, sondern als gemeinsame Produktion von Bewohner_innen und Künstler_innen neue Kreise in der Stadtgesellschaft ziehen?

Teil 5
Land, Peripherie, Stadt

Im fünften Teil der Reihe KREISE ZIEHEN werden die urban-ruralen Verflechtungen von Stadt und Land thematisiert. Kultur, Politik und Wissenschaft behandeln seit langem Stadt und Land als klar getrennten Gegensatz. Diese Fokussierung auf die Unterschiede trägt möglicherweise auch zur gegenwärtigen Spaltung von Land und Stadt bei: Als unvermeidbare Wechselbeziehung wurde bisher hingenommen, dass das Land Raum verliert, um zu ermöglichen, dass die Stadt Platz gewinnt. Die Hinterlassenschaften dieses Gewinner-Verlierer-Duells werden sichtbar und dort erfahrbar, wo Stadt und Land sich begegnen: In der Peripherie. Hier ist eine ›Zwischen/stadt/landschaft‹ entstanden, deren Anwohner_innen das Städtische und das Ländliche gleichermaßen kennen und verstehen. Diese besondere Expertise ist auch innerhalb der Hellersdorfer Anwohner_innenschaft vorhanden. Die Großwohnsiedlung Hellersdorf wurde zwischen 1980 und 1989 auf Rieselfeldern gebaut. Sie entstand zwischen den Naturräumen des Wuhletals, der Hönower Weiherkette, der Barnimhochfläche und den dörflichen Strukturen von Kaulsdorf und Mahlsdorf. Das Beziehungsgeflecht zwischen den Wohnblocks der Hellersdorfer Großsiedlung und der vorhandenen Natur ist erlebbar entlang einer Reihe von großzügigen Grünflächen.

Dieses Grün wurde je nach politischem System und stadt- und regionalplanerischer Dekade entweder urbanistisch gestaltet oder der Natur überlassen. Viele der zu DDR-Zeit geplanten Grünräume in der Hellersdorfer Großsiedlung waren zum Mauerfall noch Erde und Baustellenschlamm. EU-Mittel machten den Schlamm in den 1990ern zu Parks, um so die Stadtflucht der Hellersdorfer_innen zu stoppen. Dem unaufhaltsamen Wegzug folgte zwischen 2002 und 2008 der Abriss von Bildungs- und Kultureinrichtungen und auch von Wohnungen. So entstanden wiederum Erde und Schlamm, die sich in zehn Jahren erneut von Brachfläche zur Grünfläche entwickeln konnten.

Eine solche Grünfläche ist heute die große Wiese, die die station urbaner kulturen seit 2016 »Place Internationale« nennt und im Rahmen eines Kooperationsvertrags zwischen dem Kulturamt und der nGbK für künstlerische Aktivitäten und Vermittlungsarbeit im Stadtteil nutzt.

Bisher konnten sich die Naturräume in der Großsiedlung behaupten, für das Stadt-Land-Duell gibt es Gleichstand und es ist »das viele Grün« entstanden, das die Anwohner_innen einheitlich als das »Lieblingsmerkmal von Hellersdorf« bezeichnen.

In den letzten Jahren nun stellt ein neuer Planungsschwerpunkt mit Verdichtungen im Rahmen des Programms »Wachsende Stadt« diesen Gleichstand in Frage. Den ersten großen ›land claim‹ seit der ursprünglichen Bebauung der Rieselfelder machte die Stadt 2014 mit der Umgestaltung des Kienbergs zum Austragungsort der IGA 2017. Seitdem sind viele kleine Grün- und Freiflächen für den Wohnungsbau freigegeben. Eine Abstimmung für die inzwischen bekannt gewordenen Pläne für Wohnungsbau am ›Place Internationale‹ wurde kürzlich vertagt. Entscheidungen der nächsten stadt- und regionalplanerischen Dekade sollen erst nach der Wahl 2021 getroffen werden. Wie also soll eine Qualifizierung, eine Überlagerung und Weiterentwicklung des urbanen Grüns aussehen – in Anbetracht großer Wohnungsnot und fehlender Infrastruktur?

Vor diesem Hintergrund möchte KREISE ZIEHEN Teil 5 die Vergangenheit der Grünfläche »Place Internationale« reflektieren und Zukunftsvision artikulieren. Jochen Becker, Jesko Fezer und Madeleine Stöber ziehen einen Kreis zu dem für Hellersdorf-Nord entwickelten Konzept des Atelier Lucien Kroll. 1994 beauftragte die städtische Wohnungsbaugesellschaft WoGeHe das aus Brüssel stammende Büro für Urbanistik, Architektur und Informatik, einen Umgang mit den damals sanierungsbedürftigen Plattenbauten und dessen Außenflächen vorzuschlagen. Das Atelier Kroll entwickelte einen architektonischen und ökologischen Werkzeugkasten, der die WoGeHe in die Lage versetzen sollte, auf sämtliche zukünftige Veränderungen in der Großsiedlung von, so Kroll, »4. Juli 1994 bis 3. November 2019« behutsam und intelligent zu reagieren. Eine Reihe von Aquarellzeichnungen von Eva Hertzsch und Adam Page setzt die Logiken ihres Rechercheprojektes mit Anwohner_innen »Die Pampa lebt – Hellersdorf als Großwohnsiedlung gestern, heute und morgen« (2019–2021) fort. Im Sinn einer Übertragung des damaligen Kroll-Entwurfs auf die Situation am Place Internationale heute stellen sie das Kommen und Gehen von Bauten, Nutzlandschaft und Natur auf der Grünfläche dar – von den siebziger Jahren bis in die Zukunft.

Das Projekt »Botanischer Garten Hellersdorf, Pflanzenbiografisches Institut« von Sandra Bartoli und Silvan Linden untersucht für die Vegetationsperiode 2021 die Entwicklung der Pflanzen auf einem fünfeckigen, etwa 20 Quadratmeter großen Ausschnitt der Grünfläche. Das Untersuchungsgebiet wird für die Dauer der Beobachtung mit Billboards eingegrenzt, die in regelmäßigen Abständen Entfaltung und Zersetzung fotografisch dokumentieren.

Ein Teil der auf Billboards gezeigten künstlerischen Arbeiten wird zwei-wöchentlich geändert.

Termine:

Samstag, 29. Mai 2021, ab 16 Uhr
Erster Tag der Ausstellung

Sonntag, 22. August 2021, 14–17.30 Uhr
Cricket-Fest (Frauenturnier)

Seit Mai 2017 spielen Frauen und Männer aus unterschiedlichen Teilen der Welt Cricket auf der Grünfläche »Place Internationale« in Hellersdorf. In Zusammenarbeit mit der station urbaner kulturen wandelten geflüchtete Männer aus Pakistan und Anwohner_innen die ehemalige Brachfläche in einen informellen Sportplatz mit Cricket-Bahn um. Somit wurde auch in Hellersdorf ein, wie in vielen anderen Ländern übliches, Freizeitgelände, die sogenannten ›Recreation Grounds‹ geschaffen. Diese großen, kostenlos zugänglichen und von den Kommunen gepflegten Rasenflächen für Erholung und Sport, entstanden ursprünglich aus dem staatlichen Bekenntnis des Viktorianischen Großbritanniens zum Menschenrecht auf Gesundheit und Natur in städtischen Räumen. ›Recreation Grounds‹ werden international vielerorts auch für das Cricket-Spiel genutzt und in Hellersdorf pflegt die Nachbar_innenschaft und die Spieler_innenschaft die Fläche selbst.

Im Sommer 2017 gründeten Sajid Khan, Reinhard Liebsch und Habibullah Safi eine Cricket-Abteilung im Hellersdorfer Sportverein ›AC Berlin‹ und die Mannschaft spielt inzwischen in der Regionalliga Ost. 2020 formierte sich zudem am »Place Internationale« ein Frauenteam, das seit 2021 unter dem Namen ›AC Berlin Women‹ als erstes Berliner Frauenteam in der Bundesliga spielt.

Cricket ist zur Zeit der am schnellsten wachsende Sport in Deutschland. Geflüchtete aus Afghanistan und Pakistan sorgen für einen großen Zuwachs an Spieler_innen und in ganz Deutschland gibt es derzeit mehr als 300 Cricket-Abteilungen. In Berlin spielen etwa 1.000 Menschen Cricket in Vereinen und informell auf verschiedenen städtischen Grünflächen.

Dieses Cricket-Fest ist ein Frauenturnier und interessierte Spielerinnen sind dazu eingeladen, mitzumachen.

Die Veranstaltung findet im Rahmen der Aktivtage der Generationen »Da kommt Bewegung ins Quartier« und in Zusammenarbeit mit AC Berlin und dem Bewegungsnetzwerk Marzahn-Hellersdorf statt.

Mittwoch, 22. September 2021 (de)
Maxie-Wander-Straße 78, 12619 Berlin
»Träume elektrischer Mobilität: Eine Straßenkartierung und Diskussion mit Electric Pavilion«

15–17.30 Uhr Workshop
18–19 Uhr Diskussion

Zum Anlass des europäischen autofreien Tags greift die Veranstaltung einen der verbreitetsten Träume der Energiewende auf: den Traum von elektrifizierter Mobilität. Statt nachhaltige Erzeugung und Verbrauch von Strom durchzusetzen, haben viele Maßnahmen, die dem Klimaschutz förderlich sein sollten, lediglich die Verlagerung von Quellen, Produktion und Speicherung von Energie als Folge. Ähnlich im Fall der Elektromobilität: Die vermeintlich einfachen und allgemein verfügbaren technischen Lösungen, auf die sie zurückgreift, verursachen schwere Umweltschäden an entfernten Orten und setzen imperialistische und koloniale Verhältnisse fort.

Im Rahmen des Workshops entsteht durch partizipatives Kartographieren auf der Straße eine Karte, die Orte und Zusammenhänge der Elektromobilität aufzeigt. Die Reise führt zu fernen und nahen Räumen, angefangen von der Tesla-Gigafactory in Grünheide, in der seltene Erden und Rohstoffe – wie Lithium und Kobalt – aus de-kolonialen Ländern Lateinamerikas, Afrikas, Asiens und Ozeaniens eingesetzt werden sollen, über die vielen Wind- und Solarparks im Berliner Umland, bis hin zu den heute teilweise vergessenen Orten der Elektrizitätsgeschichte Berlins.

Die Arbeitsgruppe Electric Pavilion, die im Juni 2022 von der station urbaner kulturen aus das Ausstellungs- und Mobilisierungsprojekt »The Driving Factor« durchführen wird, moderiert den Workshop und tritt dabei mit An- und Bewohner_innen aus Hellersdorf in Kontakt. Anhand von bereitgestelltem Bildmaterial, Gesprächen und Befragungen werden Informationen ermittelt, ergänzt und auf die Karte übertragen, die ab 18 Uhr als materielle und mentale Vorlage für eine öffentliche Diskussion dient.

Open-Air-Veranstaltung im Rahmen von ›Autofreier Tag 2021‹ in Zusammenarbeit mit dem Quartiersmanagement Boulevard Kastanienallee

Projektgruppe Electric Pavilion: Elisa T. Bertuzzo, Jan Lemitz, Daniele Tognozzi, Mercedes Villalba, Neli Wagner

Finanziert von

In Kooperation mit