Neues Deutschland

mit Akinbode Akinbiyi und Elske Rosenfeld

19. September 2021–15. Januar 2022

Ausstellung
Veranstaltungsreihe

Die Ausstellung wurde vom 4. Dezember 2021 bis zum 15. Januar 2022 verlängert.

Ort(e):
station urbaner kulturen, Auerbacher Ring 41, 12619 Berlin

Künstler_innen

Akinbode Akinbiyi, Elske Rosenfeld

Teilnehmer_innen

Kathleen Reinhardt, Muhammad Salah

Arbeitsgruppe station urbaner kulturen

Juan Camilo Alfonso Angulo, Jochen Becker, Eva Hertzsch, Margarete Kiss, Adam Page

Die Künstler_innen Akinbode Akinbiyi und Elske Rosenfeld beschäftigen sich in der Ausstellung mit Perspektiven aus und auf Deutschland, sowie mit Bildern der Beheimatung, die das heutige Deutschland prägen.

Der Ausstellungstitel »Neues Deutschland« stellt gelebten Alltag am Ausstellungsort in Hellersdorf dar: Die von Dynamiken und Zwängen gezeichnete Bewegung hin zur »wiedervereinigten« Bundesrepublik und die Internationalisierung durch Neuzugezogene, treffen am Stadtrand auf eine ganz andere Art und Weise zu, wie es zum Beispiel in der Mitte Berlins der Fall ist.
Zudem ist der Titel ein Verweis auf das (post)stalinistische »Zentralorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands« (SED), welches als parteinahe Zeitung Der Linken bis heute existiert. Der programmatische Name Neues Deutschland (ND) geht hingegen auf die damalige Bestrebung deutscher Kommunist_innen zurück, ein antifaschistisches und sozialistisches, also ein anderes Deutschland aufzubauen. Das ND steht in der Nachfolge einer Exil-Zeitung, welche 1942/43 als Alemania Libre (Freies Deutschland) und ab Januar 1945 als Nueva Alemania (Neues Deutschland) in Mexiko erschienen ist. Auf diese Weise verbindet die Ausstellung eine historische Freilegung mit der Frage, welche sozialen Perspektiven in heutigen Konstellationen zwischen Exil, Befreiung und Migration entstehen können.

1965 studierte die spätere Black Power-Aktivistin Angela Davis bei dem Philosophen Theodor W. Adorno in Frankfurt am Main. Dort schloss sie sich dem SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) an und nahm an verschiedenen Protestaktionen gegen den Vietnamkrieg teil. Im Juni 1968 wurde sie Mitglied der Kommunistischen Partei der USA. Nach ihrer Inhaftierung in den Vereinigten Staaten wurden in der DDR, wie auch in anderen sozialistischen Ländern Osteuropas, mannigfaltige Solidaritäts-Kampagnen organisiert. Die »Angelamania«, wie es das TIME Magazine 1972 nannte, erinnerte an den Jubel Jugendlicher, als Davis nach der Haft am Flughafen Schönefeld oder bei den X. Weltfestspielen der Jugend 1973 zwischen DDR-Staatselite und Befreiungsbewegungen öffentlich auftrat.

In ihrer multimedialen Installation erinnert die in Halle geborene Künstlerin Elske Rosenfeld an die Dissidentin Erika Berthold, welche im Widerspruch zu den Claqueuren spontan Davis umarmte, um so die verklemmte Star-Bewunderung zu durchbrechen: Sozusagen »Völkerfreundschaft« gegen das Protokoll. Während sich die DDR als anti-rassistischer Staat profilierte und Davis zum Teil der eigenen Ikonografie machte, war Alltagsrassismus auch dort gegenwärtig. Rosenfelds Beitrag zur Dresdner Ausstellung »1 Million Rosen für Angela Davis« 2020/21 in der Kunsthalle im Lipsiusbau wird in der station urbaner kulturen in Kombination mit Fotografien aus der Reihe »Rote Fahne, DDR« (2011-2021) gezeigt: In Landschaften der Post-DDR inszenierte Stoffe, die nun auf Online-Plattformen zum Verkauf angeboten werden.

Elske Rosenfeld (*1974) forscht als Künstlerin und Autorin zum Verhältnis von Körper und Sprache in revolutionären Ereignissen, zur Geschichte von 1989/90 und zu Formen der Dissidenz. Ihre Arbeiten werden zeitgleich in der Ausstellung »… oder kann das weg? Fallstudien zur Nachwende« in der nGbK in Kreuzberg zu sehen sein. 2018 leitete sie gemeinsam mit Suza Husse/District Berlin das Projekt »Künstlerische Forschung im Archiv der DDR-Opposition«.

Der 1946 in Oxford, England geborene Fotograf Akinbode Akinbiyi pendelt zwischen den Metropolen Berlin und Lagos und weit darüber hinaus. In Ibadan, Lancaster und Heidelberg studierte Akinbiyi Literaturwissenschaft und Anglistik. Seit Jahrzehnten lebt er als Fotograf und Kurator in Berlin und erhielt 2016 in Weimar die renommierte Goethe-Medaille.

Im Zuge seiner urbanen Wanderungen sind die analog aufgenommenen Straßenfotografien (›Street Photography‹) zu vielfältigen Werkgruppen und Einzelbeobachtungen angewachsen. Diese Arbeiten wurden unter anderem auf der documenta 14 in Kassel und Athen (2017), dem Gropiusbau in Berlin (2020) sowie auf internationalen Festivals gezeigt. Für die Ausstellung in der station urbaner kulturen wird er seine Wege von der ehemaligen Stalinallee über seinen aktuellen Berliner Wohnort in der Frankfurter Allee bis nach Hellersdorf mit einer analogen Mittelformatkamera festhalten und in Beziehung zu anderen Städten der Welt setzen.

Durch die physische Verbindung beider künstlerischer Positionen bietet sich die Gelegenheit zur Reflexion: Was bedeutete internationalistische Geschichte in der DDR und in welchem Verhältnis steht es zu kosmopolitischen Projektionen im heutigen Deutschland? Aus welchen Reibungskonstellationen entstehen künstlerische Beiträge im neuen Deutschland und wie ist das längst schon diverse Alltagsleben am Rande der Stadt anzusehen?

Termine:

Samstag, 18. September 2021
16-20 Uhr
Soft Opening der Ausstellung im Rahmen der Berlin Art Week 2021

17 Uhr
Rundgang mit Elske Rosenfeld und Jochen Becker (Projektgruppe)

Samstag, 13. November 2021, 16 Uhr
station urbaner kulturen und via zoom
Gespräch »1 Millionen Rosen für Angela Davis« mit der Kuratorin Kathleen Reinhardt (Staatliche Kunstsammlungen Dresden) und der Künstlerin Elske Rosenfeld (Berlin)

Die Künstler_innen Akinbode Akinbiyi und Elske Rosenfeld beschäftigen sich in der Ausstellung Neues Deutschland mit Perspektiven aus und auf Deutschland, sowie mit Bildern der Beheimatung, die das heutige Deutschland prägen. Darin ist Elske Rosenfelds multimediale Installation Hugging Angela Davis zu sehen, die für die Ausstellung »1 Millionen Rosen für Angela Davis« entstanden ist.
Diese von Kathleen Reinhardt kuratierte Ausstellung in der Dresdener Kunsthalle im Lipsiusbau (10. Oktober 2020 bis 30. Mai 2021) verband die Erinnerung an die ikonische Gestalt Schwarzen Widerstands in den USA mit der Frage nach der Präsenz und Repräsentanz Schwarzer Menschen in Ostdeutschland. Das Projekt wurde inmitten von Corona-Schließungen, Pegida-Nachwehen und das als »Dresdner Bilderstreit« genannte Ringen um die Altmeister der DDR-Malerei realisiert. Dabei ging Reinhardt taktisch klug vor, denn »diese vielen gegenseitigen Missverständnisse und Ausblendungen sind zentral« in der Ausstellung. Die Finte des außergewöhnlichen Projekts: Sie nutzte das positive Sentiment gegenüber der bewunderten Kommunistin Angela Davis, um es mit diversen Perspektiven auf »schwarze« Kunst und DDR-Kritik zu erweitern und auf diese Weise an »bisher durch die Antworten verdeckten Fragen« zu gelangen.
Neben staatstragenden Angela-Davis-Tafelbildern von Bernhard Franke, Gerhard Goßmann oder Willi Sitte sowie Postkarten, Postern und Schallplatten für die und mit der Revolutionärin Angela Davis, wurden die Besucher_innen mit dem Widerspruch zwischen »Freiheit für Angela Davis« und der Vielzahl politischer Gefangener in der DDR konfrontiert. In der Ausstellung waren Schwarze und afroamerikanische Künstler_innen mit einer Vielzahl von eigenen Kunstwerken vertreten, wodurch weitere Lücken musealer Geschichtsschreibung aufgezeigt wurden.
Die Künstlerin Elske Rosenfeld entwickelte für die Dresdener Ausstellung die Arbeit Hugging Angela Davis, die nun auch in Hellersdorf zu sehen ist. In dieser Installation de- und rekonstruiert Rosenfeld eine spontane Umarmung zwischen der Dissidentin Erika Berthold und Angela Davis: Es zeigt statt verklemmter Starbewunderung nach Protokoll, eine Geste dissidenter Verschwisterung.

Donnerstag, 13. Januar 2022, 19 Uhr
station urbaner kulturen + online
Gespräch »He listens to the city« mit Akinbode Akinbiyi und Muhammad Salah (en)

Akinbode Akinbiyi im Gespräch mit seinem Kollegen Muhammad Salah

Im Rahmen seiner Ausstellung »Neues Deutschland« mit Elske Rosenfeld in der station urbaner kulturen/nGbK Hellersdorf hat sich der Berliner Fotograf Akinbode Akinbiyi ein öffentliches Gespräch mit seinem Kollegen Muhammad Salah (www.muhammadsalah.com) gewünscht.
Muhammad Salah lebt seit zwei Jahren in Berlin, wurde 1993 in Sudans Hauptstadt Khartum geboren und wuchs bei Mutter und Großmutter auf dem Land auf. Er kam zur Fotografie, als er bemerkte, dass er von der verstorbenen Oma keinerlei Bilder besaß. Zu dieser Zeit studierte er Linguistik und wohnte neben dem Fotografen Ala Kheir, der ihn dann die Fotografie lehrte und Bücher lieh.
Muhammad Salah fasziniert, wenn die Kunstkritikerin Hannah Abel-Hirsch schreibt, dass »Akinbode Akinbiyi der Stadt zuhört«, oder besser noch: auf sie hört. Akinbiyis Fotografien gehen also über die Visualität hinaus: »Sie hören zu und entdecken.«

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