1933 – Wege zur Diktatur

9. Januar–10. Februar 1983
Eröffnung: 9. Januar 1983

Ausstellung
Publikation, Ergänzungsband und (Jahres-)Bericht 1983 (alle Staatliche Kunsthalle)

In Zusammenarbeit mit der Staatlichen Kunsthalle Berlin

Ort(e): Staatliche Kunsthalle Berlin, Budapester Straße 46

Künstler_innen

Karl Arnold, Ulrich Baehr, Max Beckmann, Akbar Behkalam, Karlheinz Biederbick, Albert Birkle, Gernot Bubenik, Erich Constein, Hans-Jürgen Diehl, Otto Dix, Paul Eckmeier, Conrad Felixmüller, Henri Gayot, George Grosz, Lea Grundig, Leo Haas, Sarah Haffner, Erich Heckel, Werner Heldt, Hannah Höch, Karl Hofer, Alfred Hrdlicka, Walter Kampmann, Edward Kienholz, Paul Klee, Oskar Kokoschka, Alfred Kubin, Michael Mahnk, André Masson, Henry Moore, Clément Moreau, Felix Nussbaum, Wolfgang Petrick, Walter Preisser, Max Radler, Anton Räderscheidt, Karl Röhrig, Karl Rössing, Oskar Schlemmer, Rudolf Schlichter, Arthur Segal, Franz Wilhelm Seiwert, P. Simana, Willi Sitte, Günther Strupp, Hermann Teuber, Carl Tinner, Renzo Vespignani, Klaus Vogelgesang, Jürgen Waller, Hanefi Yeter

Arbeitsgruppe

Manfred Asendorf, Brigitte Domurath, Andreas Heinemann-Grüder, Karoline Hille, Gabriele Horn, Andreas Kaiser, Dieter Ruckhaberle, Karin Steinweh

Ausstellung im Rahmen der Projekte des Berliner Kulturrats zum 50ten Jahrestag der Machtergreifung der Nazis.

Übernahmen nach Städtische Galerie Schloss Ooerhausen, Bildungszentrum der IG Metall, Sprockhövel

Aus der Publikation (Dieter Ruckhaberle):
Lange Jahre war unser Blick auf die bis heute für uns wichtigsten Vorgänge in der deutschen Geschichte merkwürdig verstellt, tabuisiert, überlagert. Die unbarmherzige Wiederkehr der Daten von vor fünfzig Jahren gibt uns die Chance, neue Einblicke in den Vorgang der Machtübergabe an eine politische Gruppierung, deren krimineller Charakter bekannt war, zu gewinnen. Die Logik der Entwicklung eröffnet sich uns erst heute, wo wir die wirtschaftliche Krise wachsen sehen, auch in den Dimensionen, die in unseren Geschichtsbüchern ausgespart sind. Ursachen und Wirkungen, Motive, Taktik und Strategie schälen sich allmählich deutlicher heraus. Wir haben im Jahr 1983 eine andere Situation als damals: das faschistische Abenteuer liegt mit allen Schrecken offen hinter uns: 6 Millionen ermordete Juden, 50 Millionen Kriegstote. Die erneute offen faschistische Lösung der Probleme ist deutlich erschwert. Es gibt keine starke faschistische Partei, aber es gibt die heimliche Sympathie, die Anfälligkeit, den Fremdenhaß und den militanten Antikommunismus. Der 3. Weltkrieg wäre außerdem der letzte Weltkrieg. Je genauer unser Studium der Vorgänge um den 30. Januar 1933 wird, umso genauer können wir eine erneute Zerstörung der Demokratie in den Anfängen behindern. Die Versumpfung der Gehirne im totalen Medienchaos ist der nächste Anschlag, die totale Verdatung ist das adäquate Pendant dazu. Das Vollstopfen unseres Landes mit Waffen, deren Wirkung unseren Vorstellungshorizont überschreitet, liefert die Bedrohung nach innen wie nach außen. Wer bewirkt dies alles, wer bezahlt dafür, wem nützt es? Die Kirchen, die Politiker, die Gewerkschaften, die Sozialdemokraten und die Kommunisten haben ihre Fehler bekannt. Haben wir acht auf diejenigen, die ihre Fehler noch nicht einmal von weitem betrachtet haben.

Aus dem Bericht 1983 (Dieter Ruckhaberle):
Nach der fortdauernden Auseinandersetzung um den Frieden war für unser politisches Bewußtsein das aktive Studium der Ereignisse vor fünfzig Jahren das Wichtigste: In zentralen Veranstaltungen und in den Bezirken kamen im Umfeld von Machtübergabe an Nazis und dem Widerstand von Sozialdemokraten, Kommunisten, Christen und Republikanern neue Fakten, vertiefte Erkenntnisse, ja zum ersten Mal Einsicht in innere und äußere Zusammenhänge in ein allgemeines Bewußtsein.”

Pressestimmen

Volksblatt Berlin, 09.01.1983 (Gunter Herkel)
“Dieter Ruckhaberle, der zuvor die gemeinsam von der Staatlichen Kunsthalle und der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (NGBK) erarbeitete Ausstellung ‘1933 – Wege zur Diktatur’ vorgestellt hatte, ergänzte: ‘Ein großer Teil des Programms konnte nur gegen den Widerstand des Senats auf Grund der Solidarität der beteiligten Gruppen realisiert werden.’ Das Ergebnis sei ein eindrucksvoller Beweis dafür, daß gerade eine Aufarbeitung der Geschichte ‘von unten’ bislang Verschüttetes und Unterdrücktes zutage fördern könne, Der Kulturratsinitiative komme das Verdienst zu, ‘Zeitzeugen, gerade noch am Leben’ befragt zu haben. Deren Zeugnis sei wichtig für das ‘Wachhalten und die Rekonstruktion des geschichtlichen Bewußtseins’ über den Faschismus. […] Das 132 Seiten starke Programmheft - es ist ab sofort für eine Mark in Buchhandlungen, Kinos und anderen kulturellen Einrichtungen zu bekommen – führt neben den realisierten Projekten auch diejenigen auf, die mangels finanzieller Unterstützung nicht durchgeführt werden können.”

Handelsblatt, 20.01.1983 (Rainer Hoeynck)
“Die staatliche Kunsthalle hat in ihrem neuen Angebot noch mehr als gewohnt die Akzente von einer Kunstschau weg zur geschichtlich-informativen Materialsammlung hin verlagert. […] Solche Verbindungslinien von Vergangenheit und Gegenwart ziehen sich wie ein roter Faden durch den gesamten halbjährigen Berliner Zyklus von Ausstellungen und Veranstaltungen, für den die Kunsthallen-Schau als Mittelpunkt gedacht war. Der Berliner Kulturrat e.V. hat alles in einer 132 Seiten starken Broschüre zusammengefaßt.”

Die Zeit, 21.01.1983 (Ernst Busche)
“Fragen stellen, Probleme aufdröseln, Historie in ihrer Vielschichtigkeit darlegen: das halten die Berliner Kunsthalle und die Gesellschaft für bildende Kunst vermutlich für bourgeoises Teufelszeug. […] Der Besucher ist dem allen ziemlich hilflos ausgeliefert: pausenlos bombardiert mit Photos, Texten, Dokumenten (das gesamte, 24 Druckseiten umfassende Ermächtigungsgesetz klebt auf Phototafeln an der Wand!), hat er keine Zeit zum Atemholen und Nachdenken. Beständig unter moralischen Druck gesetzt, unaufhörlich mit Schuldzuweisungen konfrontiert, zur Schuldübernahme aufgefordert, schleicht er nur noch mit gesenktem Kopf durch die Hallen – wahrlich nicht die besten Voraussetzungen für selbständiges Denken und Handeln, die Grundlagen funktionierender Demokratie.”