Formate des WIR

Aktuelle Perspektiven auf kollektive Formationen, Aktivitäten und Arbeitsansätze seit den 1960er Jahren in Berlin

23. Mai–14. Dezember 2013

Veranstaltungsreihe
Dokumentationen der Veranstaltungen

Ort(e): Staatsgalerie Prenzlauer Berg, Greifswalder Str. 218
Lichtblick-Kino, Kastanienallee 77
ausland, Lychener Straße 60
KuLe Theater, Auguststraße 10
Museum der Unerhörten Dinge, Crellestraße 5-6
Archive Kabinett/Books, Dieffenbachstr. 31

www.formatedeswir.net

Arbeitsgruppe

Matthias Einhoff, Heimo Lattner, Achim Lengerer, Annette Maechtel, Miya Yoshida

Bei den aktuellen Debatten unter Berliner Kulturproduzent_innen fällt auf, dass - vielleicht zu selten? - bereits Gemachtes, Gedachtes, Praktiziertes aufgerufen und als Wissen weitergegeben wird.
Seit den 1960er Jahren geht es in der Kunst zunehmend darum Bedeutungszuweisungen und Repräsentationen nicht mehr fest zu setzen. Vielmehr gilt es Modelle zu erproben, die anti-hegemonielle, diskursive Räume für differenziertere Öffentlichkeit(en) produzieren. Damit einher gehen kollektive und hybride Produktions-, Vermittlungs- und Distributionsformen, die als künstlerische Formate die Bedingungen und Ausschlussmechanismen der etablierten bürgerlichen Kulturinstitutionen, des Kunstmarktes und des urbanen Raums hinterfragen und überschreiten.
Mit dem Vorteil des historischen Abstands will FORMATE DES WIR zurück- und auf Berlin blicken. Folgende Fragen ziehen sich durch die Veranstaltungsreihe: Welche Formate sind von Künstler_innen in Berlin entwickelt worden, um innerhalb gesellschaftlicher Konfliktfelder neue Handlungsräume zu öffnen? In welchen künstlerischen Formaten des WIR wurden modellhaft demokratische Verfahren erprobt? Sind diese in Ihren Strategien, Verfahren, Bedingungen und Prozessen übertragbar auf aktuelle gesellschaftliche Aushandlungsprozesse?

Veranstaltungen:

Donnerstag 23 Mai 2013, 20:30h,
Veranstaltung (1)
STAATSGALERIE Prenzlauer Berg, Greifswalder Str. 218, 10405 Berlin

WIR vs. ICH – Kollektive künstlerische Ansätze in Ostberlin in den 1980er Jahren

In den Vorgesprächen zu dieser Veranstaltung fiel auf, dass keiner der damaligen Akteure den Begriff >Kollektiv< verwendete, da dieser in einem kollektiv organisierten sozialistischen System obsolet und diskreditiert war. Vielmehr trat in den 1980er Jahren das Subjekt mit überzogenem Gestus als Provokation auf und verhöhnte nicht zuletzt öffentlich den Staat. Ronald Galenza bezeichnete die Situation damals in Ostberlin als „Wechselwirkungen offenen Ausgangs“, bei denen die künstlerischen Disziplinen sich auf kleinstem Raum verdichteten und verschränkten. Die Veranstaltung bringt Protagonistinnen und Protagonisten dieser Zeit zusammen, um anhand von Bild- und Tondokumenten folgenden Fragen nachzugehen:
- Welche Rolle spielte das WIR in einer Situation der politischen Subjektivierung?
- In welchen Räumen und Kontexten und auf welchen Distributionswegen und mit welchen Ressourcen fand künstlerische Produktion statt?
- War automatisch alles subversiv, was inoffiziell war?
- Inwieweit kann man von einer vernetzten Szene sprechen?
- Haben sich die künstlerischen Strategien und ästhetischen Konzepte mit dem Verschwinden des Staates, gegen den sie ursprünglich opponierten, erledigt?

Gäste:
Frieda von Wild/ ccd (zusammen mit Sabine von Oettingen, Katharina Reinwald, Esther Friedemann, Domenique Windisch, Robert und Jenny Paris, Frank Schäfer, Sven Marquardt, Jürgen Hohmuth und anderen, 1983-1988)
Die Abkürzung ccd stand für „chic, charmant und dauerhaft“ und spielte ironisch auf die Qualitäts-kriterien der offiziellen DDR-Modeproduktion an. Aus einer Mischung aus Langeweile und dem Wunsch nach einem individuellen Lebensentwurf wurde gemeinsam entworfen, was man sonst als Outfit oder Accessoire nicht kaufen konnte. Ohne staatliche Genehmigung und mit umso größerem Erfolg inszenierte die Gruppe diese Entwürfe dann in aufwendigen Modenschauen. Das Projekt Allerleirauh ging aus dem ccd-Umfeld später hervor.
Wolfram „Wollo“ Ehrhardt/ Der Demokratische Konsum (zusammen mit Ralf „Ralle“ Scherff, Detlef “Deo” Buschkowski, Heiko „der Bittere“ Röder, 1983-1986)
Die Band trat ohne Auftrittserlaubnis, ohne eigene Instrumente und ohne Spielkenntnisse in Kellern und auf Dachböden auf. Sie war im Kontext des Ostberliner Underground sehr präsent und Teil der dortigen Kassettenkultur, die sich in den 1980er Jahren entwickelte, da Plattenaufnahmen undenkbar waren. Offizielle Uniformen wurden zum Bandoutfit umgestaltet und schon im Namen spielte sie mit dem „verkrusteten Funktionärssozialismus“.
Micha Brendel/ Auto-Perforations-Artisten (zusammen mit Else Gabriel, Rainer Görss, Via Lewandowsky, 1985-1991)
Die Zusammenarbeit war eine „gemeinsam gefühlte Revolte“ (Brendel) von bildenden Künstler_innen, die entgegen der offiziellen funktionsorientierten DDR-Kunstauffassung absurde Performances und Inszenierungen bis hin zur Selbstverletzung zeigten.

Moderation:
Annett Gröschner – Autorin u.a. von Durchgangszimmer Prenzlauer Berg. Eine Berliner Künstler-sozialgeschichte der 1970er und 1980er Jahre in Selbstauskünften mit Heimo Lattner und Annette Maechtel von Formate des WIR.

Sonntag 11 August 2013, 18h,
Veranstaltung (2)
Ort: Lichtblick-Kino, Kastanienallee 77, 10435 Berlin (K77)

Videomagazine und Kinospots - Mediale Interventionen und alternative Distributionsformen im Kontext des innerstädtischen Stadtumbaus im Nachwende-Berlin

Gäste: Vertreter_innen des Videomagazins AK Kraak und des Projekts A-Clip / Moderation: Ines Schaber

Im Anschluss an das Screening Diskussion in der Gemeinschaftsküche von K77.

Der zweite Teil der Veranstaltungsreihe konzentriert sich auf mediale Formate wie Videomagazine und Interventionen im Kino, die Räume für einen kritischen Diskurs zum damaligen innerstädtischen Stadtumbau im Nachwende-Berlin öffneten.

AK Kraak entstand im Kontext der Studentenstreiks und Hausbesetzungen der frühen 1990er Jahre und versteht sich seitdem als eine Form des linksradikalen Videoaktivismus und der medialen Selbstbestimmung. Formal greift AK Kraak die medialen Formate des Fernsehens wie Werbung und Kochstudios auf, um sie sich für kritische Inhalte anzueignen.
Die Beiträge des Videokollektivs wurden in Form von VHS-Bändern als „Aktuelle Kamera“ monatlich in besetzten Häusern und linken Kneipen aufgeführt. AK Kraak war ein internes Kommunikationsmedium, das in der Vorzeit des Internets den Austausch unter den Aktivisten ermöglichte. Das Magazin förderte durch die gemeinsamen Vorführungen den Zusammenhalt der sozialen Bewegung. Heute ist das Videomagazin oftmals das einzige Dokument der damaligen Debatten über Fragen zu Stadt und Besitz. www.akkraak.squat.net
A-Clip ist ein Projekt, das aus der Klasse Zwei/Schröderstraße hervorging. Die erste Staffel entstand im Zusammenhang der Innenstadtaktionen 1997 in Berlin. Damals wurde in Zusammenarbeit mit antirassistischen Initiativen die Privatisierung von öffentlichem Raum und die beginnende Gentrifizierung thematisiert. Die einzelnen A-Clips, jeweils circa 50 Sekunden lang, wurden zwischen die vor dem Hauptfilm gezeigten Werbeclips sprichwörtlich eingeschnitten. A-Clip nutzte die Auf-merksamkeit des Zuschauers im abgedunkelten Kinoraum für die Platzierung politischer und subjektiv-künstlerischer Aussagen. Ähnlich wie bei AK Kraak greifen die Kurzfilme teilweise die Werbefilmästhetik auf, um sie entsprechend einer „Guerillataktik“ zu brechen.
Die Produzent_innen der Beiträge waren Filmemacher_innen, Künstler_innen, Autor_innen, die das 50 Sekunden-Format der Werbung für ihre Aussage nutzen wollten. A-Clip fungierte wie ein redaktionelles Team, das die entstandenen Kinospots in den Jahren 1997, 2000 und 2003 als A-Clips direkt an die Mainstream-Kinos verteilte. Ziel war es, neue Wege zu suchen, um Raum für einen politischen Diskurs zu öffnen.

Samstag 17 August 2013, 13:45 Uhr,
Fahrradtour (3)
Treffpunkt: ausland, Lychener Straße 60, 10437 Berlin

Zusammen überleben – Alternative Wohn- und Arbeitsprojekte im Nachwende-Berlin

Gäste: Peter Arlt, Mathias Heyden
Dauer: circa 4 Stunden
Fahrräder und Klappstühle bzw. Campinghocker sind mitzubringen.

Der dritte Teil der Veranstaltungsreihe konzentriert sich auf Aktivitäten und Orte, die ungeklärte Eigentumsverhältnisse und den Leerstand innerstädtischer Immobilien im Nachwende-Berlin nutzten, um alternative Produktions- und Wohnformen zu entwickeln.
In einer Fahrradtour werden unterschiedliche Orte aufgesucht, an denen Protagonistinnen und Protagonisten eine Einführung in ihre Projekte geben werden. Stationen sind u.a. die 1990 von Künstlerinnen und Künstlern gegründete KuLe (Kultur und Leben), das in der Lychenerstrasse befindliche Ausland, K77 in der Kastanienallee, Projekte in der Oderbergerstrasse und nicht mehr existierende Orte in Mitte. Über Humboldt- und Nordhafen führt die Tour zum Westhafen und endet um circa 18 Uhr am ZKU (Zentrum für Kunst und Urbanistik) am Westhafen in Moabit mit Getränken und Grill. (Getränke zum Selbstkostenpreis vor Ort. Grillwaren bitte mitbringen.)

Peter Arlt (www.peterarlt.at/) betreibt angewandte Soziologie im öffentlichen Raum. Er ist der Begründer der Klapp-Akademie, welche sich an mehreren Stationen entlang der Strecke formieren und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Möglichkeit zum Verweilen und Diskutieren bieten wird.
Mathias Heyden ist Architekt und Stadtaktivist, u.a. Mitbegründer von K77 und Mitglied der Initiative Stadt Neudenken.

Dienstag 05 November 2013, 19 Uhr,
Veranstaltung
KuLe Theater, Auguststraße 10, 10117 Berlin

Befragung hegemonialer Strukturen.
Entwicklung der Freien Theater - und Performanceszene in Berlin
seit den 1990er Jahren

Gäste: Aenne Quiñones (stellvertretende künstlerische Leiterin des HAU)
Tone Avenstroup, Janine Eisenächer, Anja Ibsch (Vertreterinnen des Performer Stammtisch)

Im ersten Teil des Abends wollen wir in einem Dialog mit der Kuratorin und Dramaturgin Aenne Quiñones erörtern, unter welchen politischen Rahmenbedingungen damals agiert und produziert wurde. Welche Förderinstrumentarien gab es und welche verschwanden? Wie hat sich die Freie Szene in diesen Jahren entwickelt? Welche „Formate des Wir“ haben sich gebildet? An welchen Orten? Welche davon sind heute noch aktiv und warum sind andere verschwunden?
Aenne Quiñones ist seit September 2012 stellvertretende künstlerische Leiterin des HAU Hebbel am Ufer in Berlin. Sie hat 1996 das Festival „reich&berühmt“ am Berliner Podewil mitinitiiert. Am Podewil entwickelte sie von 1997 bis 2002 als Mitglied des künstlerischen Leitungsteams das Programm im Bereich Theater/Performance.

Im zweiten Teil der Veranstaltung werden sich die drei Performerinnen Tone Avenstroup, Janine Eisenächer und Anja Ibsch in einem speziell für die Veranstaltung entwickelten Gesprächsformat den unterschiedlichen Organisationsformen, den Formaten des Öffentlichwerdens, den personellen Konstellationen und Zusammenarbeitsphasen des informellen Performancekünstler_innen-Netzwerks „Performer Stammtisch“ seit seiner Gründung in den Jahren 2002/03 widmen. Dabei werden sie Fragen nach dem Wir bzw. den Wirs, die es innerhalb des Performer Stammtischs gab, gibt oder auch nicht, aufwerfen. Was sind diese Wirs in Relation zu Begriffen wie Gruppe und Kollektiv und wie un-einig ist dieses Wir? Warum sind Erschöpfung und Enttäuschung oft Teil dieser Wir-Erfahrung, trotz vorhandener Solidarität und Verantwortung in der Selbstorganisation miteinander?

Donnerstag 21 November 2013, 19 Uhr,
Veranstaltung
Museum der Unerhörten Dinge, Crellestraße 5-6, 10827 Berlin

“Kollektives Kartieren alternativer Lernmodelle:
Studentenproteste 1988/89 in Westberlin als Ausgangspunkt”

Gäste: Roland Albrecht und Birgit Auf der Lauer

Die fünfte Veranstaltung von Formate des WIR findet im Museum der Unerhörten Dinge statt, das sich in einer 20 m² großen Baulücke zwischen zwei Gebäuden in Schöneberg befindet. Der Abend wird mit einer herzlichen Begrüßung von Roland Albrecht, dem Direktor des Museums, eröffnet. Nach einer Einführung in die Tätigkeit seiner Institution und deren einzigartigen Sammlung wird die Künstlerin Birgit Auf der Lauer, in ihrer Rolle als „Sammlerin des Abends“, einen einbeinigen Tisch präsentieren und Recherchematerialien anbieten, die für die gemeinsame Kartierung genutzt werden können.

Samstag 14 Dezember 2013, 20 Uhr,
Veranstaltung
Archive Kabinett/ Books, Dieffenbachstr. 31, 10967 Berlin

Gast: Dan Kidner (Kurator und Autor, London)

Der sechste Abend der Veranstaltungsreihe nimmt die Publikation Working Together: Notes on British Film Collectives in the 1970s (Hrsg. Petra Bauer und Dan Kidner, 2013) zum Ausgangspunkt für ein Gespräch mit Dan Kidner. Es werden Fragen zum Umgang mit der historischen Arbeit kollektiver, politischer Praxen aus der Sicht zeitgenössischer kuratorischer und künstlerischer Recherchepraxis diskutiert. Das Gespräch wird begleitet von kurzen filmischen Beispielen der Filmkollektive London Women’s Film Group, Berwick Street Film Collective und der Cinema Action.

Die Publikation Working Together: Notes on British Film Collectives in the 1970s gliedert sich in vier Teile: Einleitungen, einem zweiten, essayistischen, der die Frage nach der Herausgeberschaft bzw. nach dem künstlerischen Umgang mit historischem, kollektivem Material aufwirft, der dritte Teil enthält Gespräche mit Filmemacher_innen und Filmtheoretiker_innen wie Ann Guedes, Humphry Trevelyan, Steve Sprung und Paul Willemen; sowie schlussendlich einem Archivteil mit Texten aus Filmzeitschriften wie Screen und Afterimage sowie Informationsblättern und Statements der jeweiligen Filmkollektive aus den Jahren 1970-1982.

Dan Kidner ist Kurator und Autor in London. 2011-2013 war er Direktor von Picture This, Bristol; 2004-2011 Co-Direktor der City Projects, London. In den letzten zehn Jahren hat er eine Anzahl von Künstler_innenfilmen produziert wie Full Firearms (2011) von Emily Wardill, Abyss 2010) von Knut Åsdam und The Empty Plan (2010) von Anja Kirschner und David Panos.