Berlin

Die Spezifik von Berlin – eine geteilte Stadt unter Obhut und Bewachung der Besatzungsmächte, eine von Mauern umgebene Insel des Westens in der DDR, hochsubventioniert und hochpolitisch, Hort der Studentenbewegung und der Hausbesetzerszene – war immer wieder Gegenstand von Projekten in der nGbK. Dabei ging und geht es nicht um ein bloßes Abbilden verschiedener Diskurse und Lager, sondern um ein aktives Einmischen in kulturpolitische Angelegenheiten.

Prototypisch für diese beiden Anliegen – einerseits eine Gesellschaftsgeschichte zu erzählen und andererseits konkrete politische Forderungen zum Ausdruck zu bringen – ist das Ausstellungsprojekt Berliner S-Bahn mit dem Untertitel Gesellschaftsgeschichte eines industriellen Verkehrsmittels (1982). Im Fokus der im Künstlerhaus Bethanien gezeigten Ausstellung stand der Anspruch, das öffentliche Bewusstsein für die S-Bahn in West-Berlin zu stärken. Außerdem sollte die historische wie sozio-kulturelle, ästhetische wie ökologische, aber vor allem die politische Bedeutung des Verkehrsmittels in der geteilten Stadt hervorgehoben werden, um so nicht zuletzt den Senatsplänen zur „Abriss-Modernisierung“ der S-Bahn entgegenwirken zu können.

Diente die S-Bahn dazu, die spezifische Situation Berlins als geteilter Stadt zu reflektieren und einen kritischen Blick auf die Stadterneuerung zu werfen, lag der Fokus der meisten Ausstellungsprojekte auf dem, was Wolfgang Müller Subkultur West-Berlin genannt hat. Dazu gehörten neben selbstorganisierten Räumen und Projekten auch kulturpolitische Kämpfe um Sichtbarkeit und Unterstützung. Um „kulturelle Basisaktivitäten”1 ins öffentliche Bewusstsein zu heben, gründete sich im Jahr 1981 die Arbeitsgruppe Berliner Kulturplätze, die in den darauffolgenden Jahren insgesamt fünf Ausstellungen produzierte. Die Arbeitsgruppe „hat sich damit für eine dezentrale Kulturarbeit eingesetzt, die von der offiziellen Berliner Kulturpolitik bisher zu Unrecht vernachlässigt worden [ist].”2 Neben der Präsentation dieser Projekte formulierte sie konkrete Forderungen und zeigte Lösungswege auf. So wurden den Parteien anlässlich der Wahl zum Abgeordnetenhaus die so genannten Kulturellen Prüfsteine vorgelegt – ein Diskussionspapier, das eine „Veränderung der bisherigen Konzeptionen und Methoden und eine notwendige Umorientierung der bisherigen Kultur- und Kunstpolitik”3 einforderte.

Für heftige kulturpolitische Kontroversen sorgten die Feierlichkeiten zur 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987. Eine nGbK Arbeitsgruppe hatte die Ausstellung Mythos Berlin konzipiert, die in einer eigens errichteten Halle über den Resten des Anhalter Bahnhofs die Mythenbildungen, Projektionen und Reflexionen, die die Industriemetropole Berlin auslöst, einfangen wollte. Die Eröffnung musste unter Polizeischutz stattfinden, weil es Proteste aus der autonomen Szene gab. Als Reaktion darauf entstand die Fotoausstellung Schlaglichter – Schlagstöcke. Aktionsraum Straße. Den Macher_innen ging es darum, während der Feierlichkeiten zum Stadtjubiläum ausgegrenzte Bereiche zu verhandeln. Momentaufnahmen von Hausbesetzungen und Friedensdemonstrationen sollten Stadt und Straße als einen Kunstraum wahrnehmbar machen und eine Gegenöffentlichkeit herstellen.4

Eine Auseinandersetzung mit den sozialen wie räumlichen Veränderungen trieb im Jahr 1998 die Mitglieder des Projekts Baustop. randstadt, – aggressives, nicht-akkumulatives, städtisches Handeln an. Das Vorhaben wurde als „argumentative Ausstellung zur Sozialen Stadtentwicklung”5 bezeichnet und von einer Veranstaltungsreihe mit Diskussionen, Workshops, Filmen, einer Videothek sowie Plakatwänden in Bushaltestellen begleitet.6

Im Jahr 2012 führte Haben und Brauchen eine Veranstaltungsreihe in der nGbK durch, die aktuelle kulturpolitische Themen wie Liegenschaftspolitik und City-Tax diskutierte. Vor dem Hintergrund des Berliner Wahlherbstes 2016 plant die Arbeitsgruppe ENE MENE MUH UND WELCHE STADT WILLST DU? ein „künstlerisches Recherche-, Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Publikationsprojekt als stadtpolitische Intervention”7, um sich insbesondere in die Debatten um die Stadt- und Mietenpolitik in Berlin einzumischen – sowohl künstlerisch-aktionistisch als auch historisch-reflektierend. Geplant ist eine Publikationsreihe – die Berliner Hefte, die sich unter anderem dem Streit um die Bebauung des nördlichen Mauerparks widmen werden, wo sich seit Jahren Bürgerinitiativen gegen die Auswüchse des Berliner Filzes in Form geheimer Verträge zwischen Politik und Investoren wehren, oder das zivilgesellschaftliche Bündnis rund um Kotti & Co in den Blick nehmen.

Dass sich ein Blick zurück lohnt, um Antworten auf aktuelle Fragen und Konflikte zu finden, dessen war sich auch die Arbeitsgruppe Formate des WIR bewusst, die im Jahr 2013 in einer diskursiven Veranstaltungsreihe folgende Fragen stellte: „Welche Formate sind von Künstlerinnen und Künstlern in Berlin entwickelt worden, um innerhalb gesellschaftlicher Konfliktfelder neue Handlungsräume zu öffnen? In welchen künstlerischen Formaten wurden modellhaft demokratische Verfahren erprobt? Sind diese in ihren Bedingungen, Strategien und Verfahrensweisen auf aktuelle gesellschaftliche Aushandlungsprozesse übertragbar?”8 Der Fokus liegt „auf künstlerische[n]Formationen, kollektive[n] Aktivitäten und Arbeitsansätze[n] der 1960er Jahren in Berlin”9, zu denen unter anderem das KuLeTheater, die Staatsgalerie und das Museum der Unerhörten Dinge gehörten.

Um die städtischen Veränderungen einzufangen, wurde häufig auf das Medium Fotografie zurückgegriffen, denn Fotografien, wie es im Vorwort zu Über die großen Städte heißt, „konservieren Momente aus der Geschichte der Stadt“.10 Im Jahr 1987 gründete sich eine Arbeitsgruppe, die sich dem Bereich der Stadtfotografie und insbesondere der Stadt Berlin als Protagonistin annahm. Betont subjektive, fotografische Eindrücke und Positionen, die sich dem städtebaulichen Wandel widmeten, waren für die dreiteilige Ausstellung Vom Umgang mit Veränderung (1995) zentral. In Peripherie als Ort. Das Hellersdorf Projekt (1999) wurden die deutsch-deutschen Umbruchs- und Entwicklungsphasen des jüngsten Berliner Bezirks Hellersdorf mit künstlerischen Mitteln reflektiert.

Anna-Lena Wenzel und Irene Hilden


  1. Roloff-Momin, Ulrich: Vorwort, in: Kulturplätze. Materialien zur dezentralen Kulturarbeit, NGBK, Berlin 1985, o. S. 

  2. Ebd. 

  3. AG Kulturplätze der NGBK: Berliner Kulturplätze, in: Berliner Kulturplätze 1. Theaterspielen nach Feierabend. NGBK, Berlin 1984.  

  4. Vgl. „Das ist nichts für Wilmersdorf“, Interview mit der nGbK-Arbeitsgruppe, in: taz, 12.08.1987.  

  5. Pressemitteilung, NGBK 1999.  

  6. Vgl. AG Baustop. randstadt: Vorwort, in: Baustop. randstadt,- aggressives, nicht-akkumulatives, städtisches Handeln, NGBK, Berlin 1998, S. 3.  

  7. Projektantrag, NGBK 2015. 

  8. http://formatedeswir.net/ueber/, Zugang am 04.08.2015.  

  9. Untertitel des Projekts. 

  10. Cremer-Schacht, Dorothea / Lange, Dieter: Vorwort, in: Über die großen Städte, NGBK, Berlin, 1993, S. 8.