Lucien Kroll in Hellersdorf. Eine Baustelle

26. März–28. Mai 2022

Ausstellung
Veranstaltungsreihe

Ort(e):
station urbaner kulturen, Auerbacher Ring 41, 12619 Berlin

Künstler_innen

Jesko Fezer, Lucien Kroll, Arne Schmitt

Teilnehmer_innen

Inken Baller, Dag Boutsen, Ekhart Hahn, Rob Hendriks, Urs Kohlbrenner

Arbeitsgruppe

Juan Camilo Alfonso Angulo, Jochen Becker, Eva Hertzsch, Margarete Kiss, Constanze Musterer, Adam Page

Gestaltung

Madeleine Stöber

Die Ausstellung ist dem belgischen Architekten Lucien Kroll gewidmet, der am 13. März seinen 95. Geburtstag feierte. Neben historischem Bildmaterial und aktuellen Fotografien werden erstmalig aus dem Französischen übersetzte Texte in der begleitenden Publikation Lucien Kroll in Hellersdorf aufbereitet. Die Ausstellung wird zur konstruktiven Baustelle, so wie sich Kroll dies für das gesamte Quartier erhofft hatte.

Im Jahr 1994 sollte Lucien Kroll und sein Atelier d’Urbanisme, d’Architecture et d’Informatique (Büro für Urbanistik, Architektur und Informatik in Brüssel) auf Einladung der Wohnungsbaugesellschaft WoGeHe die großdimensionierten Siedlungsformate von Berlin-Hellersdorf überdenken und umwandeln. Dies war Teil einer letztlich unvollendeten Sanierung der Siedlung, damals begleitet durch zahlreiche Kunstprojekte.

Krolls Entwurf von 1994 artikuliert beispielhaft eine Zukunftsvision für die Großsiedlungen am Rande unserer Städte, die an Aktualität nicht eingebüßt hat. Das Atelier Kroll entwickelte einen architektonischen und ökologischen Werkzeugkasten, der die WoGeHe in die Lage versetzen sollte, auf sämtliche zukünftige Veränderungen der folgenden 25 Jahre in der Großsiedlung behutsam und intelligent zu reagieren. Er schlug vor, die Siedlung in Berlin-Hellersdorf in Phasen von 1994 bis 2019 abzustufen, die Wohnungen flexibel umzugestalten und die Innenhöfe als kommunikative Orte zu etablieren. Er trägt darüber hinaus einen neuen Umgang mit den „Plattenbauten“ und deren Außenflächen vor. Zudem sollten von Anwohner_innen selbstdefinierte Erweiterungen die Siedlung immer weiter auswuchern lassen.

1996 erscheint im Verlag L’Harmattan, Paris und nur auf Französisch eine kleine Dokumentationsbroschüre: ENFIN CHEZ SOI, Réhabilitation de Préfabriqués (ENDLICH ZU HAUSE Sanierung von Fertigteilgebäuden). Wenige Unterlagen und das bislang nur in französischer Sprache erschienene Buch von Kroll sind somit die verbliebenen Zeugnisse der geplanten Umgestaltung. In der Siedlung selbst wurden nur einzelne Dekorationselemente realisiert. Die Grundidee des „Inkrementalismus“ – einer rücksichtsvollen Veränderung der Lebensumstände in Rücksprache mit den Bewohner_innen – wartet noch immer auf Umsetzung.

Die Ausstellung wird zur Erkundungsstation, die mit den Funden und vor Ort geführten Gesprächen mit damals Beteiligten wächst. Eine Bild-Essay-Strecke des Fotografen Arne Schmitt (Köln/Zürich), die Gestaltungsarbeit der Grafikerin Madeleine Stöber (Berlin) sowie Beiträge von Jochen Becker (station urbaner kulturen) und Jesko Fezer (Studio Experimentelles Design, Hochschule für Bildende Künste Hamburg) ordnen die Planungen von Lucien Kroll in die Gegenwart ein. Die Ausstellungsarchitektur wird mit Unterstützung der Kooperative für Darstellungspolitik entwickelt. Eine Publikation im adocs Verlag Hamburg in Kooperation mit dem Verlag der nGbK führt die Ergebnisse zusammen. Die Publikation ist finanziert aus Mitteln der Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

Termine:

Samstag, 26. März 2022
15 Uhr

station urbaner kulturen und via Zoom (de)
Studio-Gespräch mit Urs Kohlbrenner (Planer des Quartierskonzept Hellersdorf)

In Hellersdorf war Urs Kohlbrenner maßgeblich für das Quartierskonzept und die Sanierung ab 1992 zuständig und hatte damals Lucien Kroll nach Berlin gelockt. Nach einer Lehre als Bauzeichner in Basel und eines abgeschlossenen Architekturstudiums an der HBK (heute Universität der Künste, UdK Berlin) und der TU Berlin arbeitete Urs Kohlbrenner seit 1972 als freier Stadtplaner und Architekt in Berlin. Von 1972 bis 2012 war er als Inhaber der Planungsgemeinschaft Hannes Dubach/Urs Kohlbrenner für über 500 Projekte verantwortlich — unter anderem betreute er die Blockkonzepte der Altbau-IBA (Internationale Bauausstellung) 1984/87. Nach Fortführung des Büros durch die Mitarbeiter_innen als Planungsgemeinschaft Kohlbrenner eG engagierte er sich in projektbezogenen Zusammenarbeiten in der Genossenschaft und folgte Lehraufträgen und Gastprofessuren an der GH Kassel und UdK. Während der 12 Jahre am Institut für Stadt-und Regionalplanung der TU Berlin wurde Urs Kohlbrenner zum Honorarprofessor ernannt.

17 Uhr
Soft Opening der Ausstellung

Dienstag, 29. März 2022, 18 Uhr
station urbaner kulturen und via Zoom (de)
Studio-Gespräch mit Inken Baller (Kontakt-Architektin bei Lucien Kroll, Berlin)

Inken Baller war als lokale Kontakt-Architektin für Lucien Kroll (später auch für Zvi Hecker und Herman Hertzberger) tätig. Allerdings wurde das von Kroll geplante Projekt in Hellersdorf nicht realisiert. Sie arbeitete von 1967 bis 1989 mit dem Architekten Hinrich Baller in einer Bürogemeinschaft zusammen und ihre entworfenen Gebäude, zum Beispiel am Fraenkelufer im Rahmen der Altbau-IBA (Internationale Bauausstellung) 1984/87, wurden zu Ikonen West-Berlins.Nach der Trennung setzte Inken Baller ihre Architektinnenentätigkeit mit eigenen Projekten fort. Ab 1985 war sie Gastprofessorin, ab 1989 ordentliche Professorin an der Gesamthochschule Kassel. Von1996 bis 2007 hielt sie den Lehrstuhl für Entwerfen und Bauen im Bestand an der BTU in Cottbus. Gerade ist die Monografie „Visiting. Inken Baller und Hinrich Baller, Berlin 1966-89“ erschienen, die die gleichnamige Ausstellung im Deutschen Architekturzentrum (DAZ) Berlin begleitet.

Donnerstag, 31. März 2022, 18 Uhr
station urbaner kulturen und via Zoom (en)
Studio-Gespräch mit Dag Boutsen (Professor für Architektur KU Leuven) und Rob Hendriks (DAAD Architecten, Groningen)

Dag Boutsen und Rob Hendriks haben in unterschiedlichen Phasen von 1994 bis 1996 für das Atelier Lucien Kroll in Hellersdorf gearbeitet.
Dag Boutsen ist Dekan der Fakultät für Architektur der KU Leuven mit Standorten in Brüssel und Gent sowie belgischer Architekt mit viel Erfahrungen im co-kreativem Design bei Projekten in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland. Seine besondere Erfahrung in der Teamarbeit hat er in den zwanzig Jahren seiner Zusammenarbeit mit Lucien Kroll bei zahlreichen Wohn- und Schulkomplexen erworben, die in partizipativen Workshops entwickelt wurden.
Rob Hendriks arbeitete nach seinem Studium an der TU Delft fünf Jahre lang für Lucien Kroll in Brüssel. Danach gründete er mit drei Partnern DAAD Architects in Groningen. Er ist Stadtarchitekt in Enschede und Stadtplanungsbeauftragter im Zentrum von Groningen. DAAD Architects ist ein Planungs- und Forschungsbüro mit Schwerpunkt auf Realisierung, dessen Tätigkeiten von der Pflege, Wiederverwendung und Renovierung von Gebäuden über landwirtschaftliche Architektur bis hin zu kleinen und individuellen Wohnungen reichen.

Dienstag, 24. Mai 2022, 18 Uhr
station urbaner kulturen und via Zoom (de)
Studio-Gespräch mit Ekhart Hahn (Planer des ökologischen Stadtumbaus Dresden-Gorbitz 1993)

Bei den Recherchen im Rahmen der Ausstellung Lucien Kroll in Hellersdorf. Eine Baustelle stieß die Projektgruppe station urbaner kulturen auf ein Vorgängerprojekt zur Hellersdorfer Planung, das in ganz ähnlicher Weise untersuchte, wie eine ostdeutsche Großwohnsiedlung von den darin Wohnenden heruntergebrochen werden kann.
Auf Einladung des Berliner Architekten und Stadtplaners Ekhart Hahn war Lucien Kroll u.a. beim Umbauprojekt Leipziger Ostraum (1992–94) involviert. Und schon 1993 schlug er in einer Studie für Dresden-Gorbitz – die größte Siedlung der Stadt mit knapp 40.000 Einwohner_innen – einen ökologisch orientierten Umbau einer Plattenbausiedlung unter aktiver Beteiligung der Bewohner_innen vor. Das vom Stadtökologen Ekhart Hahn initiierte Modellprojekt befasste sich mit baubiologischen Fragen der Sanierung, mit dem Umgang mit Wasser auf allen Ebenen der Siedlung sowie mit Konzepten ökologischer Freiraumgestaltung. Das Atelier Kroll sollte die „Chancen der Wohnquartiere“ in einem Workshop ausloten.
Krolls Team schlug damals vor, die große Wohnanlage nach den Vorstellungen ihrer Bewohner_innen umzuformen und ihr so die nötige ästhetische, soziale und ökologische Komplexität zu geben. Ähnlich wie später in Hellersdorf entwickelte es ein Bausteinkonzept, dass den Bewohner_innen zu Verfügung stehen sollte. Dieser Ansatz entsprach der wegweisenden Vorstellung Hahns, der die Auffassung vertrat, dass die Mitwirkung der Bewohner_innen die Voraussetzung für einen ökologischen Stadtumbau sei und dass dieser Umbau eine Gestaltungsaufgabe ästhetischer Dimension darstelle.

Ekhart Hahn ist einer der Pioniere des Ökologischen Städtebaus und Stadtumbaus. Diese Themen stehen seit den 1970er Jahren im Zentrum seiner Arbeit und Forschung, für die er den Begriff „Siedlungsökologie“ eingeführt hat. Hahn plädiert für ein grundlegendes ökologisches Umdenken in Theorie und Praxis des Städtebaus – als notwendige Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung gebauter Umwelt.

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