Inszenierung der Macht

Ästhetische Faszination im Faschismus

1. April–17. Mai 1987
Eröffnung: 29. März 1987

Ausstellung
2 Publikationen
Faltblatt
Filmprogramm
Veranstaltungen

Ort(e): Kunstquartier Ackerstraße 71-76
Arsenal-Kino

Arbeitsgruppe

Karin Bartl, Klaus Behnken, Wieland Elfferding, Karoline Hille, Gabriele Huster, Patricia Krey, Gudrun Linke, Frank Wagner, Silke Wenk, Kurt Winkler, Christiane Zieseke

Aus dem Faltblatt:
Der deutsche Faschismus war Gewalt und Terror, er endete im Krieg. Wenn heute konservative Politiker die Haltung zum Faschismus ‘normalisieren’ wollen, wenn einige Historiker ihnen durch Verharmlosung von Auschwitz Schützenhilfe leisten, dann darf von dem faschistischen Terror nicht geschwiegen werden. Aber das reicht nicht aus.
Die Gewalt und der Terror des NS-Staates konnten auf eine breite Zustimmung aufbauen. Der Faschismus konnte Macht über Gefühle und Sinne gewinnen: Inszenierung der Macht durch ästhetische Faszinationen. Wir verstehen unsere Ausstellung als einen Versuch der Dekonstruktion. Gegenstand sind Faszinationen, die damals wirkten und immer noch wirken können, in der Erinnerung wie in Bildern und Eindrücken, die an die Nachgeborenen weitergegeben sind. Dekonstruktion heißt nicht Kritik von außen, nicht Entlarvung. Dekonstruktion heißt zu verfolgen, wie aus ästhetischen Formen und Zeichen ein Netz von ‘Sinn’ geknüpft wurde ein Netz, das die Menschen derart gefangen nehmen konnte, daß der faschistische Staat von ihnen Leben und Tod verlangen konnte.
Dekonstruktion heißt, mit Elementen faschistischer Faszination zu arbeiten, sich auf sie einzulassen, sie auseinanderzunehmen, sie neu zusammenzusetzen, um ihre Verknüpfungen durchsichtig zu machen – und um ihre Wirkungen zu durchkreuzen. Das ist ein riskantes Unterfangen. Wir leihen den Nazis noch einmal Auge und Ohr, um ihr Werk in einer neuen Erfahrung brechen zu können. Ob hier Faszinationen des Faschismus auf veränderte Weise fortwirken oder neue Wirkungen entfalten, diese Frage geben wir weiter an die Ausstellungsbesucherinnen und -besucher. Wir halten es für notwendig, daß auch andere die Spur des Verdrängten weiter verfolgen, um seine Wiederkehr verhindern zu können. Dabei geht es auch um unsere eigenen Faszinationen, die in eine Geschichte von Verdrängungen eingelassen sind, die deutsche Geschichte ist.

Pressestimmen

Handelsblatt, 29.04.1987 (Susanne Schreiber)
“Das Bannen der NS-Kunst in ein historisches Museum, wie es viele Museumsdirektoren derzeit fordern, stellt für Silke Wenk, Kunsthistorikerin aus der Arbeitsgruppe der NGBK, keine Lösung dar. Dieser Ansatz impliziere, daß die andere im Museum aufgestellte Kunst nichts mit Macht und Herrschaft zu tun habe und entlaste so die übrige Kunst, bzw. deren museale Präsentation. Doch bevor sich die aus Kunsthistoriker(inne)n, einem Politologen, einem Lehrer und einem Bühnenbildner bestehende Gruppe an der Diskussion um die didaktische Aufarbeitung der NS-Kunst in Museen beteiligt, stellt sie eine Ausstellung zur Diskussion, die als ‘Inszenierung der Macht. Die ästhetische Faszination im Faschismus’ die Gemüter in Berlin erhitzt. Ziel ist die Faszination, die Fesselung von Massen fühlbar zu machen, die Attraktion, die von Skulptur und Malerei ausging und das Gemeinschaftserlebnis bei Massenaufmärschen zu analysieren, um diese Faszination dann mittels einer Inszenierung in den Ausstellungsräumen zu brechen, zu de-konstruieren, wie der hierfür gebrauchte Terminus lautet.”

Die Zeit, 17.04.1987 (Matthias Greffrath)
“Wie hat es also funktioniert? In den ‘Erlebnisräumen’ der Ausstellung geht man weder massenpsychologischen Überlegungen à la Elias Canetti oder Wilhelm Reich nach, noch dem Modernen am Nationalsozialismus, sondern einigen ‘Faszination erzeugenden Phänomenen’. Sie sollen durch ‘partielle Rekonstruktion’ ‘dekonstruiert’ werden. Es sei ein gefährliches Unternehmen, sich so unter-die-Haut-nah auf das Faszinosum einzulassen, bescheinigen sich die Ausstellungsmacher leicht schulterklopferisch – und unberechtigterweise. Das hat viele Gründe.”