Stadt

Neben den vielen Auseinandersetzungen mit der spezifischen berlinischen Stadtgeschichte und -situation beschäftigen sich einige Ausstellungen eher allgemein mit dem Städtischen. „Wie unterscheiden sich Städte? Wie haben sich Städte im Laufe ihrer jüngeren Geschichte verändert? Wie werden sich die Städte in naher und ferner Zukunft entwickeln?”1, sind Fragen, die die Ausstellungsmacher_innen umtreiben. Tenor ist dabei: „Eine lebenswerte Stadt ist keine Idylle und auch kein Paradies. […] Eine lebenswerte Stadt ist nicht konfliktfrei, aber sie muss Möglichkeiten bereithalten, Konflikte gewaltfrei auszutragen.”2

Bei der Erkundung der Stadt und der Dokumentation ihrer Veränderungen spielt die Fotografie eine besondere Rolle. Gerhard Ullmann beschreibt dies folgendermaßen: „Fotografie bedeutet mehr als ein Konservieren der Vergangenheit, sie muß die Verluste im Stadtbild anschaulich machen, um der Erinnerung einen festen Rahmen zu geben. Ihr Grundton ist von verhaltener Melancholie, ihre Wachheit von Skepsis begleitet. Aber ihr beharrender Widerstand gegen die Vergeßlichkeit wäre hilfreich, die großen und kleinen Veränderungen der nächsten Jahre besser zu verarbeiten.”3
In der dreiteilige Serie Stadtfotografien (Berlin von außen, 1987; Stadtfotografie, 1989; Fotografie für die Stadt, 1990) stand Berlin zum Zeitpunkt der Wende im Mittelpunkt der Auseinandersetzung. Die Ausstellung Über die großen Städte. Fotografien aus Tokio, Moskau, Berlin, Paris, London, New York, die im Jahr 1993 in der Akademie-Galerie im Marstall Berlin zu sehen war, beleuchtete „anhand historischer und zeitgenössischer Fotoserien das komplexe Themenspektrum Stadtentwicklung, die Veränderungen, Problempunkte und Utopien der Großstadt”4, wobei sie unbekannte Sichtweisen der Städte ermöglichen und gängige Klischees vermeiden wollte.

Ebenfalls dreiteilig war die Ausstellungsreihe Vom Umgang mit Veränderung. Zeitgenössische Fotografie (1995), die die Umbruchsituation im Berlin der Wendezeit zu erfassen suchte. „Das zentrale Thema des ersten Teils ist der wechselseitige Einfluss zwischen Bewohnern und Stadt.”5 Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass sich die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Umgebung des Menschen und auch die Menschen selbst in rasantem Tempo verändern. Dieser Wandel der Stadt, ihre Umbrüche und Veränderungen wurden in den Blick genommen. Martin Eberle bemängelt in einer Ausstellungskritik jedoch, dass die einzigartige isolierte Lage der einstigen Mauerstadt immer noch unangenehm manifestiert sei.6

Eine globale Perspektive nimmt die Ausstellung Learning from*. Städte von Welt, Phantasmen der Zivilgesellschaft, informelle Organisation (2003) ein. Sie thematisiert „städtische Realitäten jenseits des europäischen Stadtmodells mit seinem Bild von öffentlicher Ordnung und bürgerlicher Zivilgesellschaft.“7 Doro Wiese betont als besondere Stärke dieser Ausstellung, die von einem Katalog, einer Veranstaltungsreihe und einem Symposium begleitet wurde, sie zeige, „wie erfinderisch und effektiv ökonomische Strukturen sind, die sich jenseits von staatlicher Kontrolle bilden.“8 Einen ähnlich spezifischen Blick auf informell errichtete und selbstorganisierte städtische Landschaften entwickelte auch die Ausstellung Self Made Urbanism Rome. Informal Common Grounds of a Metropolitan Area (2013), die diese Strukturen am Beispiel Roms nachzeichnete.

Wie entwickeln und verändern sich städtische Topographien? Was für Strategien territorialer Ein- und Ausgrenzungen zeichnen sich ab? Welche Rolle spielen soziale Praktiken und urbane Akteur_innen? Diese und weitere Fragen zu aktuellen Herausforderungen von und in Großstädten widmete sich das breit angelegte Ausstellungsprojekt ISLANDS+GHETTOS. Über territoriale Segregation in Städten des 21. Jahrhunderts (2009), das in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Kunstverein entstand. Exemplarisch für urbane Abgrenzungsphänomene und den Wechsel von Elends- und Wohlstandswohngebieten wurden die Städte Dubai und Caracas untersucht. „Das Projekt ist aus der Überzeugung heraus entstanden, dass Konstellationen sozialer Polarisierung und räumlicher Fragmentierung auch in europäischen Zentren wie Berlin zu finden sind und stetig zunehmen werden.”9

Ebenfalls als Forschungsprojekt ist The Urban Cultures of Global Prayers (2010–2014) angelegt. Über mehrere Jahre und in unterschiedlichen Formaten wurde der Beobachtung nachgegangen, dass neue religiöse Bewegungen in den Städten eine immer wichtigere Rolle spielen: „Sie verändern die urbane Topographie, sie treten als wirtschaftliche wie auch als politische Akteure auf und ersetzen nicht selten die Rolle des Staates – quer durch alle Weltregionen und Religionen. Zugleich werden die städtischen Kulturen durchdrungen von neuen religiösen Praktiken wie etwa Islamic Hip-Hop oder christlichen Nollywood-Filmen.”10 Ziel der Ausstellung war es, einen differenzierten Blick auf die Zusammenhänge zwischen urbaner Entwicklung und sakralen Praktiken, zwischen den Versprechen spiritueller Erlösung und sozialer Befreiung zu werfen.

Anna-Lena Wenzel und Irene Hilden


  1. Cremer-Schacht, Dorothea / Lange, Dieter: Vorwort, in: Über die Großen Städte, NGBK, Berlin 1993, S. 8. 

  2. Roloff-Momin, Ulrich: Kultur einer lebendigen Stadt, in: Vom Umgang mit Veränderung – Zeitgenössische Fotografie, NGBK, Berlin 1995. 

  3. Ullmann, Gerhard: Zwischen Aufbruch und Abbruch. Innovationsschübe in Berlin, in: Über die großen Städte, NGBK, Berlin 1993, S. 181. 

  4. Pressemitteilung, NGBK 1993. 

  5. Pressemitteilung, NGBK 1995.  

  6. Engele, Martin: In Berlin nichts Neues, in: Fotografie und Medienkunst, Nr. 7, Oktober 1995. 

  7. AG Learning from: Klappentext, in: Learning from. Städte von Welt, Phantasmen der Zivilgesellschaft, informelle Organisation, NGBK, Berlin 2003.  

  8. Wiese, Doro: Eine andere Welt ist möglich. Drei gelungene Versuche, weltwirtschaftliche Strukturen zu analysieren, in: der Freitag, 23.01.2004.  

  9. http://hdkv.de/islands/, Zugang vom 09.09.2015. 

  10. nGbK-Webseite, Zugang vom 09.09.2015.