Realismus

Gleich nach der Gründung der nGbK gab es viele Einzelausstellungen von Künster_innen, die sich mit der sozialen Lage der Arbeiterklasse auseinandersetzten und daher als realistische Malerei aufgefasst wurden, so auch Käthe Kollwitz, Constantin Meunier oder Carl Meffert. Unter realistisch verstand man die „Konfrontation mit einer ungeliebten Wirklichkeit“1, was die schonungslose Darstellung der sozialen Verhältnisse implizierte. Gegenstand der realistischen Malerei war somit meist ein Milieu und dessen Berufs- und Lebensumstände.

Der Philologe Roman Jacobson bemerkte, wie sinnvariabel der Begriff des Realismus ist, der in Literatur, Malerei und später auch im Film verwendet wurde.2 Auch in der nGbk wurde der Begriff auf zwei Ebenen diskutiert, die sich im Kunstwerk oft verzahnen: Zum einen ist damit die Darstellungsebene gemeint, bei der es auf die Ähnlichkeit zum Gegenstand ankommt, und zum anderen bezieht sich der Begriff auf die Auswahl des Themas und der Erzählung. In beiden Varianten steckt die Frage nach den Möglichkeiten von Kunst als politischer Äußerung, die letztlich stets zwischen Form und Inhalt, also einer „authentischen“ Darstellung und der Wahl eines sozialhistorischen Gegenstandes changiert. Käthe Kollwitz fasste die politische Motivierung ihrer Kunst knapp mit den Worten zusammen: „Ich wollte wirken.“3

In ihrem Katalogtext zur Ausstellung Italienische Realisten kommt Christiane Zieseke zu dem Schluss, dass sich die Frage, was realistisch ist, nicht auf die Darstellungsweise beschränken kann: „Realismus ist keine Stilrichtung sondern eine künstlerische Methode.“4 Der in der gleichnamigen Ausstellung präsentierte Künstler Guiseppe Zigaini veröffentlichte im Katalog einen Brief an die Bauern von Comor, die er gemalt hatte: „Drei Jahre lang habe ich eure Gesichter, eure Fahrräder, eure Brotkörbe gemalt; und drei Jahre lang habe ich versucht alles das auszudrücken, was ich in all euren Gesichtern, euren leuchtenden Augen unter dem Mützenschirm habe vorüberziehen sehen.“5 Zigaini beschreibt hier ein Vorgehen, das den Kontakt des Malers zu den dargestellten Menschen und eine Wiedergabe ihrer Lebensumstände bewirken soll.

Die Ausstellung Arbeit und Alltag zeigte, welche Wandlungen die belgische Malerei in Relation zur Sozialgeschichte des Landes durchlaufen hat. Durch die politische Motivierung der realistischen Maler_innen wurde die Darstellung von Geschichte immer wieder mit den Umbrüchen und Wandlungen nationaler Politik verknüpft. So heißt es im Vorwort des Kataloges: „Die Genese der Malweise hat einen Fixpunkt im Jahr 1830. Die zur Staatsgründung führende bürgerliche Revolution verlangte nach Legitimation und Verherrlichung. Der Künstler wurde zum Historiographen einer fiktiven Nationalgeschichte.“6

Im Jahr 1974 hatte sich in der nGbK die Gruppe RealismusStudio gegründet „aus der Idee, den verhärteten Realismus-Begriff in der Öffentlichkeit aufzubrechen […].“7 Während man gerade im Berlin der Nachkriegsjahre realistische Kunst mit der sozialistischen Arbeitermalerei verband, fasste das RealismusStudio die Strömung als eine Wirklichkeitsaneignung auf, die die Kunst auf mehreren Ebenen betraf. Die Forderung nach einem dokumentarischen oder authentischem Stil sowie nach sozialengagierten Inhalten führte recht bald zu experimentellen, künstlerischen Formaten: So galt Video- und Filmkunst als besonders authentisch, weil sie auf der chemischen Fixierung einer Lichtprojektion basierte und darüber hinaus Ton und Bewegung zu vermittelten vermochte. Die Gruppe beschäftigte sich bereits in den 1990er Jahren mit Computerkunst wie in den Projekten Der telematische Raum oder Virtualität des Verschwindens. In dem Katalog zur Ausstellung Der telematische Raum aus dem Jahr 1996 schreibt Frank Wagner: „Die künstlerische Auseinandersetzung mit den neuen Technologien und den Versuchen, in virtuelle Welten vorzudringen, ließ uns dieses Projekt entwickeln. […] Es handelt sich um Grundlagenforschung und die Klärung der Voraussetzungen für das Entern des elektronischen Raums.“8 Bereits im Jahr 1969 hatten Gründungsmitglieder der nGbK in der AG Grundlagenforschung formuliert: „Wir gehen davon aus, dass die ästhetische Aktivität des Menschen ein universelles Verhältnis zur Realität sich nicht auf die ‚schönen Künste‘ beschränkt […]. “ Ebenso galt es den wechselnden Mitgliedern des RealismusStudio, den medialen Strukturen der Gesellschaft und deren kognitiver Wirkung in Form von Kunst auf den Grund zu gehen. So zeichnet sich die Arbeit der AG auch durch formale Experimente aus: Die durch den Film Mulholland Drive von David Lynch inspirierte Ausstellung Chironex fleckeri fand im Jahr 2003 in Sequenzen statt, so dass die Einzelsektionen der Ausstellung nie gleichzeitig zu sehen waren. Auf der gleichnamigen Webseite kommentiert die Gruppe: „Logische und alogische Verfahren werden so gegeneinander gestellt, dass ihre Verbildlichung eine neue Sicht auf die Topoi unseres Wissens und unserer Gewissheiten anbietet und mit dem eigenen Begehren konfrontiert, in allem eine nachvollziehbare Ordnung zu entdecken.”9

Zum 25-jährigen Bestehen der AG RealismusStudio im Jahr 1999 kuratierten Hildtrud Ebert, Christin Lahr, Annette Tietenberg, Frank Wagner, Ingrid Wagner-Kantuser und Ute Ziegler anstelle einer Revue der bisherigen Arbeit eine Ausstellung mit Künstler_innen, die sich „mit den Parametern des Betriebssystems Kunst auseinandersetzen.“10 Die Wirklichkeitsaneignung, die aus einer politische Motivierung der Kunstaktivist_innen rührte, hatte sich also vom Begriff des Realismus hin zu einer diskursanalytischen Aufklärung über die eigenen Verhältnisse entwickelt. Letztlich wurden aber auch hier
die „alten Fragen“ gestellt, was zu einer Untersuchung institutioneller Strukturen, gesellschaftlicher Mechanismen und Erwartungen führte, die das Handlungsfeld der Kunstproduzent_innen und darüber hinaus die Bedingungen von Wissen bestimmen.

Sara Hillnhütter


  1. Vorwort in: Arbeit und Alltag. Soziale Wirklichkeit in der belgischen Kunst 1830−1914. NGBK, Berlin 1979, S. 7.. 

  2. Roman Jakobson:Über den Realismus in der Kunst (1921). In: Alternative – Zeitschrift für Literatur und Diskussion, 12. Jahrgang, Heft 65 (1969), S. 75ff . 

  3. Vowort, in: Käthe Kollwitz, Frankfurter Kunstverein, Georg Bussmann [Rd.], Frankfurt a. M. 1973, o.S. 

  4. Christiane Zieseke, Anmerkungen zur alten und neuen Realismusdebatte, in: Italienische Realisten 1945 bis 1974, S. 1.13.. 

  5. Guiseppe Zigaini: Brief an die Bauern von Comor [1952, ial.], in: Ital. Realisten, S. 2.21..  

  6. Arbeit und Alltag. Soziale Wirklichkeit in der belgischen Kunst um 1830-1914. 1979, Vorwort, S. 7. 

  7. RealismusStudio, in: Zwischenbilanz, S. 46. 

  8. Frank Wagner, Der telematische Raum, NGBK, Berlin 1996, S. 7..  

  9. http://www.chironex-moments.de/html/home01.html 

  10. Faltblatt zur Ausstellung, the search for the spirit, 25 Jahre RealismusStudio.