Aids

Im Jahr 1981 wird in Amerika eine besondere Art der Lungenentzündung vornehmlich bei homosexuellen Männern mit wechselnden sexuellen Kontakten diagnostiziert, die bald als GRID (Gay-Related Immune Deficiency) bezeichnet wird. Obwohl das Krankheitsbild schon ab 1982, nachdem ähnliche Krankheitsverläufe auch bei Frauen und Drogenabhängigen auftreten, AIDS (Acquired Immune Deficiency Syndrome) genannt wird, verliert die Krankheit ihr „Image” als „Schwulenseuche” nicht. Wer an AIDS erkrankt, führt ein ausschweifendes Leben, treibt sich mit den „Außenseitern” herum – so das stigmatisierende Bild in der Öffentlichkeit. Krankenhäuser weigerten sich, Erkrankte aufzunehmen, Pharmakonzerne in Amerika verhinderten die Herausgabe wirksamer Medikamente, um Profit zu machen. Der Widerstand gegen diese Praxis der Dämonisierung der Sexualität und das im Stich lassen der Betroffenen wurde zeitgleich Thema in der Kunst sowie im politischen Aktivismus, der sich oft kreuzte.

Der Beschäftigung mit AIDS nahm sich innerhalb der nGbK vornehmlich die Arbeitsgruppe “RealismusStudio” an, den Auftakt machte 1988 die Ausstellung Vollbild AIDS, die die erste künstlerische Schau zu dem Thema in Deutschland war. 1 Die öffentliche Sichtbarkeit von Aids spielte schon hier, aber noch konkreter in der 1993 realisierten Ausstellung AIDS PROJEKTE eine große Rolle. Die Exponate des zweiten Projekts wurden zum Teil in Kneipen, Bars und Cafés rund um den Nollendorfplatz, wo sich die Schwulenszene traf, gezeigt, außerdem gab es 1988 eine Plakataktion in U-Bahnhöfen der Künstlergruppe GENERAL IDEA. 2 Dies geschah aus dem Impuls heraus, die Thematik ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. „Silence=Death” verkündet eine Schaufensterinstallation der Künstler/Aktivistengruppe Gran Fury – eben dieses Schweigen galt es zu durchbrechen. Die Krankheit an sich war aber nicht einziges Thema: “AIDS wird zum Anlaß genommen, um über Fragen von gesellschaftlicher Ausgrenzung nachzudenken, aber auch über Schönheit, Vergänglichkeit, Schmerz, Verdrängung.”3 Darüber hinaus sollte die Ausbreitung der Krankheit durch Aufklärung eingedämmt werden. So wurden beide Ausstellungen in Zusammenarbeit mit der Deutschen Aids-Hilfe realisiert und den in Berlinarbeitenden Initiativen und Selbsthilfegruppenwurde Platz für die Darstellung ihrer Arbeit eingeräumt. 4

So hoch die Bedeutung einer Krankheit für eine Gesellschaft ist, so individuell ist auch das persönliche Schicksal der Erkrankten. Im Jahr 1997 eröffnete die erste Ausstellung der Arbeitsgruppe Unterbrochene Karrieren, die sich explizit den Künstler_innen widmete, die an Aids oder auch, wie im Fall von Hannah Wilke, an Krebs gestorben waren und sich in ihrem Werk mit ihrer Krankheit beschäftigt hatten. Ab 2001 fand im gleichen Rahmen die dreiteilige Reihe Partnerschaften statt, die Arbeiten von je zwei Künstlern zeigte, die in einer Beziehung miteinander lebten, die von der Erkrankung einer Person an Aids überschattet war. Wie geht man mit dem Werk eines verstorbenen Partners um? Inwiefern beeinflusst eine intime Beziehung zwischen zwei Menschen deren Arbeit und inwieweit prägt Aids diesen Austausch? Diese Fragen standen für die Arbeitsgruppe im Mittelpunkt. 5

2002 wurde mit der Ausstellung africa apart der Fokus auf die Aids-Krise in Afrika gelegt, es stellten KünstlerInnen aus Afrika aus, hier ging es unter anderem um eine Thematisierung von Aids als Tabu sowie deren gesellschaftlichen Auswirkungen. Das letzte Projekt zum Themenkomplex hieß LOVE AIDS RIOT SEX und fand in den Jahren 2013/2014 in zwei Teilen statt. Zunächst wurde die „historische” Sicht auf Aids thematisiert (hier begegnet man einigen KünstlerInnen und Arbeiten aus VOLLBILD AIDS_und _AIDS PROJEKTE wieder), wohingegen in einer zweiten Ausstellungen zeitgenössischere Reflektionen präsentiert wurden.

Dierk Saathoff und Anna-Lena Wenzel


  1. Vgl. Wagner, Frank: LOVE AIDS RIOT SEX - eine Fährte im Realismusstudio seit 1988, in: 40 Jahre NGBK, Berlin 2009, S. 205. 

  2. Vgl. Wagner (2009), S. 215. 

  3. Wagner, Frank: o.T., Berlin 1988, S. 41. 

  4. Vgl. Wagner (2009), S. 210. 

  5. Vgl. Nakas, Kassandra: Vorwort Partnerschaften, in: Partnerschaften. Unterbrochene Karrieren, Berlin 2002, S. 7.