Arbeit

In einem Gespräch über die Zukunft, das Hans Magnus Enzensberger im Herbst 1967 mit Rudi Dutschke führte1, formulierte letzterer, für eine revolutionäre Umwälzung müsse ein neues Subjekt her. Dieses Ziel sei nur durch eine universelle, gesellschaftliche Selbstorganisation zu erreichen, die durch die Aufhebung der Arbeitsteilung bewirkt werden könne. Jedes Mitglied der Kommune wäre Politiker und „tendenziell auch […] Künstler“2.

Auf der anderen Seite forderten Künstler_innen, die Kunst sei im Leben zu realisieren, was zu einer Entgrenzung des Kunstgegenstandes und einer Vielzahl neuer Formate führte. Beuys fegte Leinwände aus, statt darauf zu malen, und Valie Export integrierte ihren Körper in die Kunst, was in den frühen 60ern noch den Verdacht der Pornographie auf sich zog. Statt vom Kunstwerk war von „Arbeiten“ die Rede, wie Peter Funken im Katalog Faktor Arbeit zur gleichnamigen nGbK Ausstellung 1997 berichtete. “Bei Beuys erlebte ich, wie eng ein Kunst- mit einem Lebensanspruch verbunden sein sollte, einem Anspruch auf Alltag, seinem Prozeß, seiner Gestaltung und Verbesserung.”3 Das Kunstwerk nahm den Charakter des Herstellens, Tätigseins und Handelns an und wurde so erweitert zur Arbeit am Menschen, zur Aktion, oder wie heute üblich, zum Projekt.

Der direkte Vergleich von Kunst und Lohnarbeit stieß dabei immer wieder auf Kritik hinsichtlich der Frage, ob das Autonomieversprechen der Kunst ihrer Nutzbarmachung widerstehen könne. Im Jahr 1975 versuchte die Arbeitsgruppe Theorie und Praxis demokratischer Kulturarbeit, mit einem gleichnamigen Textbuch dem pessimistischen Kulturbegriff der Frankfurter Schule4 etwas entgegenzustellen, demzufolge Kultur als Ware und Fetisch aufgefasst wurde. Klaus Betz argumentierte in seinem Aufsatz Demokratische Kulturarbeit – Ansätze und Möglichkeiten, „die demokratische Kulturarbeit in der Bundesrepublik und West-Berlin [kann] einen Beitrag zur Veränderung der Gesellschaft insgesamt darstellen.“5 Betz beschrieb die Kulturarbeit als eine mögliche Überformung des kapitalistischen Systems, indem Kultur nicht, als „schöne Kunst“, sondern als Bereich aufgefasst würde, „wo das Bündnis der Arbeiterklasse mit fortschrittlichen Teilen der Mittelschichten, vor allem der Intelligenz, eine objektive Basis besitzt.“6 Nicht ihre Zweckmäßigkeit im Allgemeinen, sondern ein veränderter Inhalt der Kunst sollte ihrem ökonomischen Nutzen als Ware einen politischen Nutzen entgegenstellen.
In der nGbK wurde besonders in den 70er Jahren die Lebenssituation der Arbeiter_innen thematisiert, wie die vielen Projekte zur Malerei des Realismus (link) zeigen. Zum hundertjährigen Jubiläum des Maifeiertags entstand im Jahr 1986 die Ausstellung Mein Vaterland ist international, die Exponate aus vierzig Ländern umfasste. Im Vorwort des begleitenden Katalogs heißt es: „Über die nationalen Verhältnisse hinaus zeigt sich am 1. Mai auch immer der Stand des internationalistischen Bewußtseins der Arbeiterbewegung“.7

Mit dem Anstieg der Arbeitslosigkeit in den 1990er Jahren und den Sozial- und Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Regierung im Jahr 2010 mehrten sich Projekte in der nGbK, die sich gegen die soziale Stigmatisierung derer, die nicht arbeiten durften, konnten oder wollten, richtete. Die Wiener Künstler_innengruppe WochenKlausur führte seit 1993 soziale Interventionen durch. Auf Einladung der nGbK und des Kunstamtes Kreuzberg bauten sie eine Beratungsstelle unter dem Namen workstation – Ideenwerkstatt Berlin e.V. auf, um „Informationsdefizit, Ratlosigkeit, Vereinzelung und [dem] damit einhergehende[n] Verlust des Selbstwertgefühls“8 der Menschen entgegenzuwirken, die keiner Lohnarbeit nachgingen. Unter dem Titel Kunst? begründete die WochenKlausur ihre Motivation: Wir „verstehen Kunst als Träger gesellschaftlicher Verantwortung und Motor für Veränderung.“9

Mit dem Projekt /unvermittelt feierte die workstation − Ideenwerkstatt Berlin e.V. im Jahr 2008 ihr zehnjähriges Jubiläum und startete eine weitere Kampagne für einen Arbeitsbegriff jenseits von Überarbeitung, Mangel und Verbrauch der Lebensenergie. Joseph Vogl formulierte überspitzt im dazu erschienen Textbuch: „Wer ökonomisch produktiv arbeitet, muss sich notwendig darüber täuschen, was er tut. […] Die Arbeit, die um 1800 ökonomisch virulent zu beginnen droht, diese Arbeit ist immer die Arbeit am eigenen Tod.“10 Darin kündigte sich nach mehreren Jahrzehnten der Entgrenzung von Kunst als Arbeit die Forderung nach erneuter Grenzziehung an.

Mit der Jahrtausendwende änderte sich das Vorzeichen in der Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeit. Beispielsweise setzte sich das Projekt Nichtstun … in der neuen Gesellschaft mit der Möglichkeit einer konstruktiven Verweigerung auseinander, die eine „Unterbrechung des Alltags selbst“11 bewirken sollte. Die Beschäftigung mit dem Stellenwert der Arbeit in der Gesellschaft machte zum wiederholten Male, „die Notwendigkeit einer Aneignung [deutlich], die nicht abschließbar ist, die von keinem Apparat, sei es der eines Staates, einer Partei oder Gewerkschaft, beherrscht werden kann“.12

In Auseinandersetzung mit der Lektüre von Post-Fordisten und Post-Operaisten wie Paolo Virno und Maurizio Lazzarato setzten sich die Arbeitsgruppen Office Hours, Tätig sein, Prekäre Perspektiven, fast um$onst und Die Irregulären mit den Bedingungen immaterieller Arbeit, der Veränderung des Dienstleistungssektors und dem damit verbundenen Kreativitätsimperativ auseinander. Im Unterschied zu den Projekten in den 70er und 80er Jahren wurde nicht mehr von einer Arbeiter“klasse“ gesprochen. Die fortschreitende Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse wird dabei unabhängig von der sozialen Zugehörigkeit einem Wissensproletariat zugeschrieben.13 Judith Siegmund merkt in ihrem Beitrag prekär im Glossar inflationärer Begriffe an, dass eine gelungene Emanzipation, die mit Selbstbestimmung zu tun hat, stets mit Unsicherheit verbunden ist. Autonomie, so schreibt sie, wird zu einer leeren Forderung, wenn „keine substanzhafte soziale Handlungsumgebung mehr vorliegt”14, die eine Entscheidung sinnvoll macht.

Sara Hillnhütter


  1. Kursbuch 14. August 1968, Kritik der Zukunft, Hrsg. von H. M. Enzensberger, Westberlin 1968. Vgl. Gerd Koenen in: Das rote Jahrzehnt, Fischer, Frankfurt am Main 2001, S. 53. 

  2. Ebd. 

  3. Peter Funken: Arbeit spielen, in:Faktor Arbeit, NGBK, Berlin 1997, S.9.. 

  4. Vgl. Adorno, Theodor W.: Résumé über Kulturindustrie. In: Pias, Claus u.a. (Hrsg.): Kursbuch Medienkultur – Die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard. Stuttgart: DVA, 4. Auflage 2002. S. 202-208. Jürgen Habermas, Notizen zum Mißverhältnis von Kultur und Konsum, in: Merkur, X Jg., Heft 3 (März 1956), S. 212. 

  5. Klaus Betz, Demokratische Kulturarbeit, in: Theorie und Praxis demokratischer Kulturarbeit, NGBK, Berlin 1975, S. 155.  

  6. Ebd. 

  7. Vorwort, Mein Vaterland ist international, Asso Verlag, Berlin 1986, S.9. 

  8. Handout Workstation, September 1998, S. 1.  

  9. WochenKlausur: Eine konkrete Intervention zum Thema Arbeit und Arbeitslosigkeit, Broschüre zu Veranstaltungen in der nGbK und dem Kunstamt Kreuzberg, Berlin 1998, S. 3. 

  10. Joseph Vogl, Die Arbeit, der Tod in: /unvermittelt. feiert 10 Jahre Ideenwerkstatt e.V. mit der Kampagne für einen Arbeitsbegriff jenseits von Überarbeitung und Mangel, S. 33. 

  11. LIGNA: Der wilde Streik der Repräsentation. Das performative Hörspiel Odyssee N&K in: Nichtstun, Berlin 2008, S. 40. 

  12. Ebd. 

  13. U.a. Oliver Marchart, Kreativität als Kommando in: Tätig sein, ohne Seitenzahl, grüner Deckel. 

  14. Judith Siegmund, Prekär, in: Glossar inflationärer Begriffe. Von [dilettantisch] bis [virtuos], S. 112.