Neue Welten

In den 1970er Jahren wurde Lateinamerika mit dem Aufkommen sozialistischer Regierungen zum Sehnsuchtsort vieler europäischer Linker. Bis in die 1990er Jahre hinein beschäftigten sich mehrere Arbeitsgruppen der nGbK mit den reformatorischen Bewegungen in Mexiko, Kuba, Chile und Nicaragua. In der Publikation zum 21-jährigen Jubiläum des Kunstvereins begründete Olav Münzberg die vermehrte Auseinandersetzung mit der Lateinamerikanischen Kunst damit, dass sich die Studierendenbewegung mit den sozialistischen Regierungen solidarisierte. Besonders der Vietnamkrieg, so Münzberg, bot den Auslöser für die Beschäftigung der jungen Linken mit dem globalen Süden. Diese Internationalisierung politischer Diskurse schlug sich in der Arbeit der Kunst- und Kulturmacher_innen der nGbK nieder: „Dieser Blick von außen wurde verstanden als konstruktives Element von Objektivität, als Erfahrung, daß nur Selbstbild und Fremdbild, Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung zusammen Objektivität stiften.“1

Auffällig viele Projekte befassten sich mit Mexiko. Im Jahr 1974 fand eine historische Ausstellung zur Kunst der mexikanischen Revolution statt, die für sich in Anspruch nehmen durfte, als erste europaweite Ausstellung die politischen Grafiken und Wandmalereien von Diego Rivera, David Alfaro Siquieros und José Clemente Orozco zeitgeschichtlich und kunsthistorisch thematisiert zu haben.

Einen wichtigen Impuls erhielten die Solidaritätsbewegungen durch die Wahl Salvador Allendes zum chilenischen Präsidenten im Jahr 1970. Die Hoffnung auf eine alternative, sozialistische Politik- und Wirtschaftsform nährte auch den Wunsch der Studierendenbewegung nach einem dritten Weg jenseits der DDR und Sowjetunion. Doch der Traum einer sozialistischen Demokratie wurde mit dem Putsch Augusto Pinochets am 11. September 1973 jäh beendet. Das diktatorische Regime leitete eine Ära der Privatisierung und „Kulturbarbarei“2 ein, in der unzählige Menschen Folterungen und Verfolgungen ausgesetzt waren. Oppositionelle Künstler_innen wurden ermordet, Bücher verbrannt, Rundfunkanstalten geschlossen und Archive zerstört. In der Folge gründeten sich in der BRD zahlreiche Chile-Komitees3, die sich der Aufgabe verpflichteten, über diese gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen zu informieren und an die sozialistische Utopie zu erinnern. Alfredo Jaar realisierte in der Zeit von 1979 bis 1981 das Projekt Studies on Happiness in der chilenischen Hauptstadt Lima, wofür er mit großformatigen Plakaten im öffentlichen Raum agierte. Später erinnerte er sich: „Die Zensur hatte gerade ihren Höhepunkt erreicht, und noch viel schlimmer als das, die Selbstzensur, weil die Leute Angst hatten […] Damit wollte ich spielen: Was konnte man sagen, wie weit konnte man gehen?“4 In der nGbK stellte Jaar im Jahr 2012 eine Video-Dokumentation dieser mehrjährigen Arbeit aus.

Dank des solidarischen Netzwerkes konnte im Jahr 1976 auch die Ausstellung 100 Chilenische Plakate aus der Zeit der Regierung Allende 1970–1973 durch die Vereinigung zur Förderung der demokratischen Kultur Chiles realisiert werden. Die Ausstellung erläuterte am Beispiel von 100 Plakaten die Land-, Bildungs-, und Sozialreformen des linken Wahlbündnisses Unidad Popular.

Im Zuge der Auseinandersetzung mit den reformatorischen Bewegungen rückten auch feministische Ansätze in den Blick, die besonders in den Ausstellungen Chilenas (1983), 35 Künstlerinnen aus Mexiko (1981) und Mexiko – Stadt der Frauen (1991) Ausdruck fanden. Das Projekt über chilenische Künstlerinnen legte den Fokus auf die Themen Exil und Zensur, wobei damit sowohl die politische Zensur unter der Militärdiktatur Pinochets als auch unbeachtete Beiträge von Frauen zur Kunstgeschichte analysiert wurden. Auffällig ist, dass eine postkoloniale Perspektive nur wenig Beachtung fand, obwohl die Perspektive indigener Kulturen in Lateinamerika spätestens mit der Zapatistischen Bewegung in Mexiko im Jahr 1994 verstärkt in den politischen Diskurs rückte.

Dezidiert reflektiert setzten sich die Ausstellungsmacher_innen des Projektes Falsch belichtet? Nicaragua im eurofotografischen Blick (1991) mit den Möglichkeiten dokumentarischer Fotografie auseinander. Dabei wurde auch auf die Kritik reagiert, die linken Strömungen dieser Zeit würden Sehnsuchts- und Revolutionsphantasien auf die sozialen Bewegungen der Neuen Welt projizieren. Im Katalogbeitrag hält Norbert Ahrens polemisch fest: „Abgesehen vom benachbarten und politisch befreundeten Kuba hat kein Land so viele Arbeits- und Gesundheitsbrigadisten, Politfreaks und Revolutionstouristen nach Nicaragua geschickt wie der westliche Teil Deutschlands. […] Es war die Revolutionsbegeisterung – gepaart mit dem späten Frust des Scheiterns von 1968 und dem sicheren wissen, wie man’s eigentlich richtig macht. Auch die alten Hüte von Vietnam und Kuba gefielen uns schon lang nicht mehr“.8

Die Verhältnisse in Kuba hatten sich stabilisiert, in Mexiko war aus der Revolution von 1910 nur noch die Partei der institutionalisierten Revolution (PRI) übrig geblieben, und in Chile hatte Pinochet den demokratischen Machtwechsel zur Linken erstickt. Die Ernüchterung gegenüber den politischen Entwicklungen Lateinamerikas nährte sich laut Jörg Boström aus dem „wachsende[n] Bewußstein über den Automatismus der Verstrickung in die Ausbeutung der armen Länder durch die Industrienationen, […].“9

Des Weiteren wurde in der nGbK an die europäischen Migrant_innen erinnert, die im Zweiten Weltkrieg vor dem Faschismus nach Lateinamerika geflohen waren, darunter viele Künstler_innen und Intellektuelle. Die Ausstellung Clément Moureau/ Carl Meffert widmete sich bereits im Jahr 1978 dem antifaschistischen Engagement des Künstlers Carl Meffert, der im Jahr 1935 nach Argentinien migriert war. Im Katalog zur Ausstellung setzte sich Michael Nungesser mit dem Einfluss europäischer Faschisten auf dem amerikanischen Kontinent auseinander: „Die faschistische Ideologie wirkte besonders seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland verstärkt auf die Vereine und Institutionen der alteingesessenen Auslandsdeutschen ein.“10 Nungesser berichtet von der Spaltung der Kolonie in Buenos Aires. Aus gegebenem Anlass gründete sich aus dem sozialdemokratischen Arbeiterverband, der bereits seit 1882 in Buenos Aires die Zeitschrift Vorwärts verlegte, das anti-faschistische Hilfskomitee mit dem Namen Das andere Deutschland.11

Selten wurde der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kolonialismus (Link Post/Kolonialismus) und der Rolle der europäischen Migrant_innen im Zuge der politischen Umbrüche Lateinamerikas ein Platz eingeräumt. In der Ausstellung Alltag und Vergessen − Argentinien 1976/2003 kamen die Verstrickungen der europäischen Faschisten jedoch zur Sprache. „Denn Argentinien nahm nicht nur Tausende Flüchtlinge aus Deutschland auf, die vor dem Faschismus flohen, sondern auch Antisemiten und Kriegsverbrecher.“12 Im dazugehörigen Katalog verweist Horacio Verbitsky auf die Verbindungen zwischen der Diktatur und dem Staatsbankrott Argentiniens im Jahr 2002. In der Ausstellung waren Auszüge aus dem Comic El Eternauta des Zeichners Hector Oesterheld zu sehen, der wie drei seiner Töchter nach der Veröffentlichung verschleppt und wahrscheinlich ermordet wurde. Die Hauptfigur Juan Salvo ruft in einer 1976 publizierten Folge des Comics zur Revolte auf und organisiert den Widerstand. Oesterheld entwirft das Bild vom giftigen und Tod bringenden Schnee, der über Argentinien herabfällt. Ein Bild, das noch heute für die Schrecken der konspirativen Grausamkeit der Militärdiktatur steht.

Sara Hillnhütter und Eylem Sengezer


  1. Olav Münzberg, Die NGBK auf den Spuren Alexander von Humboldts, in: 21 – was nun? Zwei Jahrzehnte Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, S. 63. 

  2. Gustavor Beccera-Schmidt: Vorwort, in: 100 Chilenische Plakate, S. 7. 

  3. 100 Chilenische Plakate, S.111. 

  4. Adriana Valdés, Missing Chile: Weit im Süden. Weit.Sehr weit. In: Eine Ästhetik des Widerstands, Alfredo Jaar – The Way it is, NGBK, 2012, S. 183. 

  5. Chilenas. Drinnen und draußen. 40 Künstlerinnen zum Thema Zensur und Exil, S. 80.  

  6. María Berna berichetet wiederabgedruck und übersetzt in: Chilenas. Drinnen und draußen. 40 Künstlerinnen zum Thema Zensur und Exil, S. 81.. 

  7. Cecilia Boisier, Zur Geschichte der Chilenischen Malerei und zur Rolle der Künstlerinnen, in: Chilenas. Drinnen und draußen. 40 Künstlerinnen zum Thema Zensur und Exil, S. 11. 

  8. Norbert Ahrens: Anmerkungen zu zeitweiligen bundesdeutschen Revolutions-Begeisterung. In: Falsch belichtet? Nicaragua im eurofotografischen Blick. Bildendeckung. nGbK, Berlin 1991. 

  9. Jörg Boström: Die Revolution findet nicht statt in der Fotografie. Dokumentation zwischen Tat und Traum, in: Falsch Belichtet? Nicaragua im eurofotografischen Blick, S. 13f. 

  10. Im argentinischen Exil: Kampf gegen den Faschismus, von Michael Nungesser,in: Clément Moreau/Carl Meffert, Deutschland Schweiz Argentinien, S. 164. 

  11. Im argentinischen Exil: Kampf gegen den Faschismus, von Michael Nungesser,in: Clément Moreau/Carl Meffert, Deutschland Schweiz Argentinien, S. 166. 

  12. Andrea Guinta, Welcher Umgang ist möglich? Künsterische Produktion und historisches Bewusstein, in: Alltag und Vergessen. Argentinien 1976/2003, S. 5.